Samstag.

Ein Samstag auf dem Lande. Rumgerannt und Krach gemacht. Die ehemalige Holzterrasse in 30-Zentimeter lange Kaminholzscheite verwandelt. Mit der kreischenden Wippsäge. Aus dem Sommermobiliar quasi die winterliche Wärme gemacht. Die Scheite in der Schubkarre hin- und hergefahren und gestapelt; geflucht und geschwitzt. Winterholz macht mehrfach warm, haha, haha.

Mit den Hunden gelaufen und Forellen gefüttert. Gefühlte zwei Millionen Herbstblätter von der Wasseroberfläche gefischt, bevor sie hinabsinken und das Stinken anfangen. 352 Steinpilze im brummenden Ofen getrocknet, den Rest gesäubert und geschnippelt. Den Gartendreck gleichmäßig im Haus verteilt und nicht geputzt. Hühner versorgt, Mausefallen kontrolliert, mit den Hunden nochmal raus und spätnachmittags noch den Bauern bei der Arbeit zuschauen, draußen auf den sonnigen, abgeernteten Maisäckern.

Jetzt Feierabend. Und Huhn mit Steinpilzsauce. 

 

 

 

 

12 von 12.

Die zwöf Bilder, die am 12. eines jeden Monats gefragt sind, die habe ich heute locker zusammenbekommen. Aber die passenden Worte dazu fehlen mir. Daran kann auch das Aufwachen in einem originellen Hotel am Morgen und der Einkauf in einem Supermarkt zum Abschluß des Tages nichts ändern. Dazwischen das blanke Entsetzen, und das Gefühl, dass die Menschen nichts gelernt haben. So gar nichts.

Triggerwarnung: zumindest eines der Bilder ist nichts für empfindsame Menschen, ich habe mich nach einigem Nachdenken doch entschieden, es erstens zu machen und zweitens zu zeigen. 

 

 

Wenn Sie mich fragen: ein Besuch in der Gegend um Verdun sollte zur Pflicht für jeden gemacht werden. Wenn ich Worte für das Gesehene finde, schreibe ich vielleicht auch noch mal was dazu.

Das hier ist erstmal mein Beitrag zu der Aktion 12von12 von der Frau mit den Kännchen.

 

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Ja, ja, sagt mein Geo, mach Dich nur wieder über mich lustig in aller Öffentlichkeit!, und er verzieht dabei das Gesicht wie ein beleidigter Teenager auf dem Höhepunkt der Pubertät. So fern, wie er vom Teenageralter weg ist, bin ich von der Absicht, mich über ihn lustig machen zu wollen, also wirklich, ich weiß auch nicht, wie er darauf kommt.

Ich will doch nur ein Foto unserer diesjährigen Karotten-Ernte präsentieren, es soll ja Leute geben, die sich für sowas interessieren. Zumal auf einem Blog rund um das LandLeben und die existentiellen Überlebenskämpfe der Selbstversorger, also bitte.

Dabei ist das in der Tat kein repräsentatives Foto, die Karotten waren durchaus passabel dieses Jahr, lange, dünne, dicke, kurze waren dabei, alles durchaus vorzeigbar, aber diese eine hatte es mir nun besonders angetan. Geschmeckt hat sie allerdings nicht, ich habe das nach dem etwas unbefriedigenden Shooting mit dem Händi ausprobiert, so als Frustfraß quasi.

Dabei fiel mir auf, dass die Erzählungen des hauseigenen Blaumanns in diesem Gartenjahr deutlich zu kurz gekommen sind, warum auch immer, irgendwie ging das alles an mir ein bisschen vorbei. Die vielen Erbsen und die wunderbaren Kartoffeln (gut, aber deutlich weniger als im Vorjahr), die Tomaten (soweit ok), die Zucchini (anständig), der Mangold (geschossen), die Äpfel (nicht besonders viele), die Walnüsse, der Holunder (das ist kein Strauch mehr, sondern eine Naturgewalt), die Paprika (gut), der Knoblauch (sensationell), der Lauch, die Kräuter (also die, die ich beim Rasenmähen nicht umgemäht habe) und der Salat. Besser: das, was vom Salat übrig geblieben ist.

Wenn Sie einen Moment innehalten und in die Gegend horchen, können Sie die Schnecken immer noch lachen hören, ach, was sage ich, sie lachen nicht, sie brüllen vor Vergnügen, sie halten sich die salatgefüllten Bäuche und kriegen sich gar nicht mehr ein. Hahaha, immer dieser Geo mit seinen blauen Anti-Schnecken- Öko-Kügelchen, wirklich zum Kreischen komisch, schmatzschmatzschmatz, haha, haha.

Naja, Sie wissen schon.

Wir haben eingekellert, eingefroren, eingemacht, wir sind eigentlich immer noch dabei, denn immer noch schleppt Geo dauernd irgendwas von draussen herein, er tapst mit verschlammten Erdschollen an den Schuhen in die Küche und sagt Ich war im Garten!, und ich erwidere mit verzerrter Miene ja, das ist ja nicht zu übersehen, während sich schnalzend die ersten nassen Erdbrocken von seinen Schuhen lösen und sich, wie auf Kommando und gelenkt von Geisterhand, sofort im gesamten Haus verteilen.

Dann wirft er mir irgendwas hin, manchmal erkenne ich es auf Anhieb, manchmal brauche ich ein Bestimmungsbüchlein, fast immer befrage ich meine Lieblingskochbuchseite im Internet, wie nun weiter zu verfahren sei. Ich widme mich Geos grünen Schätzen dann sofort, den Kampf gegen den Gartendreck im Haus, den habe ich ohnehin längst verloren, aber sowas von.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir sind zufrieden mit der Ernte, wir werden auch diesen Winter voraussichtlich überleben, das Haus starrt vor Dreck, das kümmert uns einen feuchten Kehricht, alles wird gut. Naja, Sie wissen schon.

 

 

 

Die kleinen Dinge.

Was um alles in der Welt gibt es denn hier aus dieser langweiligen Gegend zu berichten?, das fragen mich manchmal die Leute. Oder sie sagen, halb bewundernd, halb ungläubig: Wo Du nur immer die vielen Ideen für Dein Blog hernimmst, hier ist doch nichts los.

Die mich das fragen, sind erstaunlicherweise meistens genau jene Menschen, die seit Generationen hier in dieser langweiligen Gegend leben, in der doch angeblich nichts los ist. Oh, sage ich dann, ich finde, hier ist jede Menge los. 

Wenn mich mein Gegenüber daraufhin mit großen Augen verständnislos anglotzt, schiebe ich angeberisch-altklug noch einen Satz hinterher, den ich auf der Journalistenschule gelernt – und beruflich wie privat verinnerlicht habe: Die Geschichten liegen auf der Straße, es muss nur jemand kommen, der sie aufhebt. 

Die Geschichten liegen hierzulande auf der Straße oder im Unterholz, sie liegen auf den Wiesen und Weiden, sie liegen in Wohnzimmern und Vorgärten, in Dorfmuseen und alten Kirchen, in Burgruinen oder verlassenen Stallungen. Manchmal sind sie äußerlich unscheinbar oder kaum zu sehen, auf den ersten Blick nur ein zufälliges Fotomotiv am Wegesrand. Banalitäten vielleicht, die aber mir stumm zurufen Hier, komm her!, wir erzählen Dir was.

 

Seit ich mit der Kamera unterwegs bin, sehe ich die kleinen Dinge am Wegesrand noch viel öfter, Dinge, an denen ich früher achtlos vorübergegangen wäre. Ich knipse wild in der Gegend herum wie so eine Touristin, ich scanne die Landschaft auf Motive ab, ich krieche durch Gebüsche und Unterholz, ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist immer spannend. Denn hinter jedem noch so kleinen Ding versteckt sich eine Geschichte. Die möchte ich erfahren und manchmal auch weitererzählen.

Aber erstmal erzählen die Kleinigkeiten und die Geschichten dahinter ja mir etwas. Warum stehen die Kühe da und nicht dort drüben? Was hat es mit den Weg- und Sühnekreuzen überall auf sich (guckstu (Klick!) hier), wieso fallen die Schweinepreise? Wer hat in diesem leerstehenden Haus früher gewohnt, und vorallem wie? Und warum will es keiner kaufen? Warum wächst derzeit überall Mais? Wo kommt das ganze indische Springkraut im Wald plötzlich her? Was soll der alte Galgen da? Was ist ein Lohndrescher? Dresche gabs doch früher allenfalls zuhause, von den großen Geschwistern.

Wie war das Leben auf den Dörfern früher? Und was davon wirkt noch bis heute? Wer oder was war der Gemeindebulle (ich glaube, so hieß das, und es hat nichts mit Polizei zu tun)? Und wozu steht seit hundert Jahren die alte klitzekleine Steinhütte einsam mitten auf der Wiese (sie war das Wasserwerk des Dorfes, habe ich gerade gelernt.)? Warum trifft man im Wald kaum Spaziergänger, und wieso entsorgt da einer seine alten Traktorreifen? Was ist Tradition, und was Moderne auf dem Land? Undsoweiter, undsoweiter.

Mit jeder kleinen Kleinigkeit, die ich im Hirn oder auch auf der Kamera und manchmal auch im Herzen abspeichere, erfahre ich mehr über die Gegend, in der ich wohne. Mehr über die Leute, über die Geschichte dieses Landstriches und darüber, warum manches heute so ist wie es ist, und warum die Menschen so sind wie sie sind. Entdecke das Große im Kleinen und das Kleine im Großen, erfahre das Dorf als Mikrokosmos, und verstehe manchmal die Welt(geschichten) noch im winzigsten Weiler.

Die kindliche und oft so verschriene Neugierde habe ich zum Beruf gemacht. Auf dem Berliner Tagesspiegel las ich früher jeden Morgen das lateinische Leitwort Rerum cognoscere causas, ich verstand kein Wort, aber es klang geheimnis- und verheißungsvoll. Rerum cognoscere causas, Den Dingen auf den Grund gehen, –  seit ich die Übersetzung kenne, ist sie mir zur Devise geworden.

Auf Schritt und Tritt sehen, fragen, nach Antworten und nach Geschichten suchen. Mikroabenteuer erleben, wie es eine Bloggerkollegin sehr schön formuliert. Den Begriff gibt es tatsächlich, das war mir völlig neu. Mikroabenteuer vor der Haustür. Dafür muss ich nicht in den Grand Canyon und nicht auf die Balearen, ich finde die Abenteuer und die Geschichten im Dorf, im Wald, auf den Wiesen und im Gespräch mit den Menschen, beim Schauen und wissen-wollen.

Kein Tag ohne Horizonterweiterung! ist das Motto einer Freundin, das ich ebenfalls gerne für mein Leben übernommen habe. Erst recht, seit ich hier in der vermeintlichen Provinz lebe, die mich auch nach Jahren immer wieder staunen und fragen lässt.

 

 

 

 

Die Anregung zu diesem Beitrag habe ich einer Bloggerkollegin zu verdanken, die zu den Kleinen Dingen am Wegesrand grade eine Blogparade veranstaltet. Da bin ich gerne dabei! Schauen Sie da mal nach. Oder machen Sie doch einfach mit.

 

WMDEDGT.

Schon wieder der Fünfte eines Monats, schon wieder Zeit für wmdedgt. Die freundliche Frau Brüllen fordert uns alle vier Wochen dazu auf, Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, will sie von uns wissen, kurz wmdedgt.

Das ist heute einmal mehr recht kurz erzählt: ich mache gar nichts. Ich habe Urlaub. Das heißt, so gar nichts mache ich natürlich nicht, ich werfe am Morgen erstmal unsere Ausflugspläne für den heutigen Tag über den Haufen, quer durch den Odenwald sollte es gehen, zum ehemaligen Zisterzienserkloster Schönau, sowas ist ja immer spannend.

Es wäre dank Xavier, dem ollen Orkan, noch umso spannender geworden, Bäume auf der Fahrbahn, herabfallende armdicke Äste, umherwirbelnde Wildsauen undsoweiter, da lassen wir das lieber. Stattdessen trickse ich Xavier aus, auf der ausgedehnten Hunderunde, in einer Gegend, in der keine Bäume umfallen und keine Wildsauen herumwirbeln können, weil es beides schlichtweg gar nicht gibt.

Clever, gell.

Aber Xavier tobt auch hier, als sei er wütend auf mich und die Hunde, er zerrt knatternd an der Jacke und zieht an den Haaren, er brüllt mir in die Ohren; und wenn ich mich gerade vorneüber an ihn lehnen will, schaltet er sich blitzartig aus, sodass ich mehrfach fast auf die Schnauze falle. Vielleicht findet er das lustig, ich meine ihn lachen zu hören, zwischendurch.

Vielleicht lacht er aber auch, weil das schwarz-weiße Hündchen immer mehr aussieht wie Theo Weigel, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, wenn der Wind die buschigen Brauen zerzaust, ist sie dem ehemaligen Minister fast zum Verwechseln ähnlich. Wenn Sie genug Geduld haben, können Sie das im Filmchen mal überprüfen.

Über die weiten Felder geht es knappe zwei Stunden, alles frisch umgeackert, die Hunde rennen gegen den Sturm und fangen Mäuschen in den Wiesen, Lieselottes grottenschwere Schleppleine tanzt im Wind wie eine Feder. Ich mag dieses Wetter, dieses Ankämpfen gegen die Elemente, zumindest in Maßen.

Hinten im Dorf, auf dem Friedhof, da ist die Frau E. begraben, an sie muss ich denken hier oben im Sturm. Die Frau E. mit dem weltbekannten grauen-vollen Namen, die nun hier in diesem friedlichen, winzigen Dorf liegt. Die große Weltgeschichte geht manchmal merkwürdige Wege.

Nach dem Tanz mit Xavier haben wir uns einen Cappuccino verdient, den nehmen wir in Osterburken, Zeit spielt im Urlaub keine Rolle, und was kostet die Welt? Cappuccino und Kuchen und nette Gespräche bei der tollen Polly im Osterburkener Römermuseum, da sollten Sie Ihren Kaffee nehmen, wenn Sie in der Ecke unterwegs sind. Und wenn Sie auch das Römermuseum noch nicht kennen, also bitte, dann wirds aber höchste Zeit, Unesco Weltkulturerbe undsoweiter, also ehrlich.

Xavier holt gegen Mittag nochmal tief Luft, und dann gibt er alles, Wind und Sturm und Wassermassen, bis dahin sind wir aber längst daheim im Warmen. Zwei Hunde und eine Katze gestatten, dass ich mich neben sie aufs Hundesofa lege, das doch einst als Menschensofa gedacht war, die Hundehalter unter Ihnen werden das wohl kennen. Und weil Konsequenz in der Hundeerziehung alles ist, haben die lieben Kleinen das Sofa kon-se-quent zu dem ihrigen erklärt, ja, so einfach geht das, wenn man nur konsequent dranbleibt.

Wir dösen und lesen, trinken heißen Kaffee und essen Kekse, die Hunde schnarchen, und alle zusammen drehen wir dem Xavier eine lange Nase. Der tobt im Garten herum, schüttelt die Bäume und Büsche und zaust die Hühnchen im Gehege, er duscht das ganze Dorf, ununterbrochen. Mit schmatzendem Geräusch fahren draußen die Traktoren über den nassen Asphalt, wir liegen im Warmen und lassen Xavier einen guten Mann sein, solche Leute soll man nicht noch mehr verärgern.

Noch ein bisschen am Rechner herumdödeln und neue Blog-Geschichten im Hirn und im Herzen bewegen, die Hühner füttern, danach durch den matschigen Garten eilen und Zutaten für das Abendessen hereinholen, Mangold und Kräuter, die eigenen Kartoffeln aus dem Keller, dazu ein paar Eier aus dem Stall, Schafskäse aus dem Kühlschrank, wir lassen den Tag in der Küche ausklingen, mit ein bisschen Musik und guten Gesprächen.

Wenn Sie mich fragen, fühlt sich das nach einem wunderbaren faulen Urlaubstag an. Und das in einer Region, in der man zumeist über Schaffenskraft und Fleiß und Arbeitseifer definiert wird, ich bin sehr stolz auf mich.

 

 

 

Unterwegs.

Ein paarmal ordentlich nass geworden heute. Petrus schleuderte Wasser und Wind, wie ein kalter, klebrig-feuchter Duschvorhang legte sich das Wetter ins Gesicht, auf die Schultern, um die Beine. Aber irgendwann hatte Petrus sich abgeregt, dann schien plötzlich die Sonne und tauchte das Dorf in unwirkliches Licht.

 

 

 

Die Neuen.

Sowas habe er nun auch noch nicht erlebt, sagt der katholische Diakon und grinst. Als er den Neuen im Nachbardorf seine Aufwartung machen und Hilfe anbieten wollte, gleich nach ihrem Einzug, da haben die ihn erstmal fortgeschickt. Leider keine Zeit, haben die acht jungen Männer aus Afghanistan gesagt, wir müssen putzen. Er möge doch bitte ein andermal wiederkommen.

Jetzt sitzen sie alle rund um den blitzsauberen Tisch in der blitzsauberen Küche, essen selbstgebackenen afghanischen Kuchen und lachen gemeinsam über diese erste Begegnung. Wobei die jungen Afghanen immer noch nicht so recht verstehen, was daran eigentlich so lustig gewesen sein soll, Putzen ist wichtig, alles muss schön und immer ordentlich sein, und das Haus ist ziemlich groß, was gibt es da zu lachen?

Ein freistehendes, möbliertes Wohnhaus hat die Gemeinde für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, kommunale Anschlußunterbringung nennt sich das, die acht Afghanen waren davor teilweise mehrere Jahre schon in einer großen Gemeinschaftsunterkunft untergebracht, einer ausgedienten US-Kaserne, das hier ist tausendmal besser, sagen sie.

Jeweils zwei teilen sich ein Zimmer, manche müssen gemeinsam in alten Doppelbetten schlafen, aber das geht schon, meint einer. Wenn der Eine sich nachts umdreht, wacht der Andere auf, die Matratzen schaukeln so. Seit Jahren haben sie nachts nicht mehr durchschlafen können, seit Jahren haben sie keine Intimsphäre mehr, keinen Moment für sich alleine, da ist das jetzt mit den Matratzen auch nicht so schlimm. Alles gut!, sagen sie. Und immerhin, sie sind nur zu Acht, und nicht mehr zu Achtzigst. Und um die Betten wollen sich die Helfer kümmern, die aus dem Dorf, und die aus der Umgebung.

Auch Fahrräder haben die Dorfbewohner schon abgegeben, damit die Jungs ein bisschen mobil sind. Mit denen können sie raus zum Sportplatz und zum Fußballtraining fahren, oder einfach mal durch die Gegend, an schönen Tagen. Unter der Woche sind die Acht in der Schule, den ganzen Tag, sie fahren auf verworrenen Wegen per Bus durch den Landkreis, die ÖPNV-Anbindung ist hier nicht die Beste. Um Zehn vor Sieben müssen sie im Dorf den Bus bekommen, das ist ja ätzend früh, sage ich, Alles gut!, sagen sie lachend, sie sagen das oft, und sie lachen oft.

Eine Zeit lang stand es leer, das Haus, bevor die Neuen kamen. Der Garten war verwildert, wie das halt so ist, wenn keiner sich kümmert. Kaum waren die Afghanen da, rückte eine Frau aus dem Dorf mit Gartengerät an, das muss doch hier jetzt anständig aussehen!, sie hackte und harkte und rupfte und riss, erst standen die Asylannde daneben und staunten, dann gingen sie in Flipflops und mit ihren neu gekauften Spülhandschuhen mit ans Werk.

Alleine hätte die Frau einen Tag gebraucht, jetzt war nach zwei Stunden alles wieder picobello für den Winter, sagt eine Nachbarin grinsend. Nächstes Jahr pflanzen wir hier Tomaten an, und Kartoffeln, plant einer der Jungs. Wenn wir dann noch da sind.

Von den ersten großen Flüchtlingswellen wurde der Landkreis fast überrollt, aber wir haben das gut hingekriegt, heißt es beim Landratsamt. Unzählige Menschen haben ehrenamtlich dabei geholfen, in dieser strukturschwachen, armen Region, von der es heißt, hier wohnen die schwärzesten Keiler, einer Hochburg der Konservativen, seit Jahrzehnten.

Im Landratsamt weiß man aber auch: Jetzt kommt die eigentliche Herausforderung: die langfristige Integration der Menschen in den einzelnen Gemeinden, bei der Unterbringung, bei der Jobsuche, bei den sozialen Kontakten, tief in der badischen, vermeintlichen Provinz. Aber genau das ist unser Pluspunkt, sagt der verantwortliche Mann vom Landratsamt gerne: Je kleiner die Dörfer, desto besser funktioniert es. 

Ob sie noch was brauchen, frage ich beim Abschied die jungen Männer. Einen Spiegel für den Flur hätten sie gerne, egal, ob klein oder groß, Hauptsache, sie können morgens prüfen, dass auch alles ordentlich und sauber aussieht, Frisur und Klamotten, wenn sie aus dem Haus gehen. Das dürfte kein Problem sein. Sonst noch was? Alles gut!, sagen sie und lachen.

 

 

 

Was schön war.

Der Geschäftsmann ist genervt. Drüben sitzt er, am Nebentisch im feinen Hotel-Restaurant, ich kenne ihn vom Sehen, und heute macht er ein Gesicht, als lutsche er auf einer quietschesauren Zitronenscheibe herum.

Er wartet. Er trommelt mit den Fingern auf die leinene Tischdecke, er spielt ein bisschen mit dem Bierdeckel, dreht ihn hin und her, er wartet, und er ist genervt.

Ich habe so überhaupt keine Lust auf dieses blödsinnige Geschäftsessen heute abend, hat er seiner Frau vielleicht gesagt, vorhin, beim Abschied. Hilft ja aber nix, der Typ könnte ein guter Kunde werden, und er kommt extra angereist. Manchmal hasse ich diesen Job. Irgendsowas in der Art denkt er noch immer, da am Tisch, wartend, man sieht es ihm förmlich an. Aber es hilft ja nichts. 

Irgendwann schwingt die alte Holztür auf, ein Mann betritt das Restaurant, er schaut sich einen Moment um und erkennt dann den Geschäftspartner, da hinten, allein am Tisch. Ein fragender Blick, unser Odenwälder Geschäftsmann zaubert ein Profilächeln in sein Gesicht und steht auf, Händeschütteln, smalltalk, Wie war der Flug? Ging das gut über die Autobahn hierher in den Wald?, Ach, immer dieser Verkehr, was man halt so redet, wenn man sich wildfremd ist. Dann Stühlerücken, stummes Speisekartenstudium, Getränke und Essen bestellen.

Derweil muss ich mich ja zwischendurch auch mal meinem Gegenüber widmen, der Gatte und ich, wir feiern schließlich Hochzeitstag, da sollte ich mit Augen und Ohren nicht dauernd bei den Herren am Nebentisch sein, wie sähe denn das aus.

So verpasse ich also den Beginn der Annäherung zweier wildfremder Männer, die der Job heute abend an diesem Tisch mitten in der nordbadischen Provinz zusammengeworfen hat. Die vielleicht müde sind von all diesen langweiligen Geschäftsessen mit langweiligen Geschäftsleuten in langweiligen grauen Anzügen, die sich nicht viel zu sagen haben über das Geschäftliche hinaus. Die hier sitzen, weil es der Vorstandsvorsitzende so will, oder der Abteilungsleiter oder die Wirtschaftslage allgemein, was weiß denn ich.

Während ich also meinen Götzinger Kapaun an frischem Gemüse genieße, höre ich von nebenan immer öfter herzliches Kichern und schallendes Gelächter, die beiden stecken zwischendurch die Köpfe zusammen wie uralte Freunde, ich höre mit halbem Ohr was von Urlauben und den Ehefrauen, sie quasseln und quasseln, mein genervter Odenwälder sitzt locker und weit zurückgelehnt im Stuhl, er streckt die Beine von sich, ganz unförmlich, sie essen und trinken und quasseln und quasseln und lachen und lachen, man könnte glatt neidisch werden.

Ich warte jetzt nur noch darauf, dass die beiden sich beim Abschied herzlich umarmen und sich gegenseitig auf die Rücken schlagen, wie Männer das machen, in einer Mischung aus Zuneigung und Verlegenheit, ich warte und warte, aber die beiden quasseln und quasseln, an Abschied ist gar nicht zu denken.

Also gehe ich nach Kapaun und Kaffee am Tisch der beiden vorbei, ich will doch zumindest Hallo sagen, ich kenne den einen ja schließlich vom Sehen, aber ich habe gar keine Chance, die beiden quasseln und quasseln und lachen, ich will da nicht stören.

Und wenn der Wirt nicht irgendwann die Stühle hochgestellt hat, sitzen sie da vielleicht heute noch.

 

Der Fotograf.

Ich bin da neulich mal wieder in anderer Leut’s Vergangenheit herumgestiegen, ganz vorsichtig und mit Respekt, aber das Wort gestiegen trifft es tatsächlich, denn es ging treppauf, treppab, über schiefe Stufen und kleine Schutthaufen, gleich an mehreren Stellen im kleinen Städtchen. Genau gesagt war ich Karl Weiß auf der Spur, einem Fotografen aus Buchen, der ab Ende des 19. Jahrhunderts alles auf Kollodiumplatten gebannt hat, was ihm so vor die Linse kam.

Karl Weiß (1876-1956) und seine Frau Anna, geb. Edelmann (geb. 1880). Das Doppelporträt ist vielleicht aus Anlass der Silberrnen Hochzeit des Paares entstanden, aufgenommen im Atelier Weiß von der Tochter Mina Steinbach, geb. Weiß (1909-1984). Heruntergeladen mit freundlicher Genehmigung des Bezirksmuseums Buchen.

Karl Weiß war eigentlich gelernter Schreiner in der Schreinerei des Vaters, aber irgendwann kam er auf die Fotografie. Er muss fotografiert haben wie ein Besessener, das Bezirksmuseum in Buchen hat vor Jahren seinen Nachlass geerbt, mit mehr als 10.000 Fotos: Studioaufnahmen, Landschaftsbilder, Portraits von Eheleuten, jugendlichen Soldaten, Kriegsgefangenen.

Vieles davon ist schon in mühevoller und ehrenamtlicher Arbeit digitalisiert worden und kann im (klick!) Internet angeschaut werden, vieles ist auch in einer kleinen Dauerausstellung im Buchener Bezirksmuseum zu sehen, dort haben sie unterm Dach juchee das Atelier Weiß liebevoll nachgebaut, für Fotofans ein echtes Muss, wenn Sie mich fragen. Die Sammlung insgesamt gilt als eine der bedeutendsten in Süddeutschland, kaum eine andere ist so groß, so umfangreich.

Zwei Werbefahrzeuge für Pilo-Terpentinöl-Paste, die als Lederbalsam angepriesen wurde. Der Unternehmer Adolf Krebs betrieb seit 1901 am Mannheimer Industriehafen eine chemische Fabrik, die vor allem Schuhcreme und Bohnerwachs herstellte. Pilo war eine Handelsmarke des Unternehmens. In wessen Auftrag Karl Weiß die für Werbezwecke umgerüsteten Opelfahrzeuge (Opel 4/16 PS) fotografiert hat, ist unbekannt. Die Aufnahme dürfte um 1926/27 entstanden sein.

Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – Karl Weiß dokumentierte mit seinen Fotos nicht nur das Leben in und um Buchen, sondern damit auch gleichzeitig die gesellschaftlichen Veränderungen, die jeweiligen Moden, den Wandel in der Landwirtschaft, die aufkommende Industrialisierung. Und das alles in einer technischen Qualität und Brillanz, die selbst die Besitzer von hochwertigen Digitalkameras heuzutage weinend in die Knie gehen lässt.

Eingang zum Geschäftshaus Amtsstraße 238. Im Vordergrund der Betrieb des Gerbers Adolf Pflüger, rechts das „Herren-Garderobe-Geschäft“ der Gebr. Stetter.

Wenn Weiß draußen unterwegs war, hatte er nicht nur den gigantischen Holzkasten dabei, der der Vorläufer unserer heutigen Kameras war. Weiß schleppte ausserdem ein Dunkelzelt mit sich herum, mit SD-Karten war es ja noch essig, jede belichtete Platte musste sofort ins Dunkelzelt und chemisch behandelt werden. Fragen Sie mich nicht nach Details, ich bin ein Kind der digitalen Fotografie und habe leider wenig Ahnung von dem analogen Chemiekram rund um die historische Fotografie. Weiß jedenfalls dürfte jedes Mal mit erheblichem Gepäck unterwegs gewesen sein.

Der für den Festzug geschmückte Wagen der Familie Rosenbaum. Anlass war das 50. Stiftungsjubiläum des Männergesangvereins Hainstadt in der Zeit vom 11. bis 13. Juli 1932. Von rechts nach links: Moritz Rosenbaum, Manufakturwarenhändler in Hainstadt, daneben Friedel David, die Nichte Rosenbaums, davor die Mutter, Fanny Rosenbaum geb. Neuberger, die Tochter Ruth Rosenbaum, Theodor Reinhard als Fahrer und der Sohn Kurt Rosenbaum (frdl. Mitteilung von Dr. Bernhard Breunig).

Die Belichtungszeiten bei den Studioaufnahmen waren gigantisch, deswegen sehen die Damen und die Herren in der Regel auf den Bildern nicht nur versteinert aus, sie waren es tatsächlich, also, fast zumindest. Auch hier kann man an den Bildern über die Jahrzehnte hinweg den technischen Fortschritt verfolgen, die Belichtungszeiten werden kürzer, die Porträtierten deutlich lockerer.

Wer das da überhaupt alles ist auf den Bildern, welche Gebäude da gezeigt werden, welche Straßenzüge, das hat Weiß teilweise zu seinen Fotos notiert, teilweise aber eben auch nicht. Seit Jahren ermitteln die Mitglieder des Bezirksmuseums hier wie die Detektive, sie bieten Sprechstunden an und zeigen Bilder herum, sie laden zu Diaschauen ein, befragen Hinz und Kunz. Irgendwer kann sich immer an irgendein Detail erinnern, so kommt ein Mosaikstein zum anderen, und immer mehr Bilder können beschriftet werden. Mit viel Herzblut und Leidenschaft und mit noch mehr Zeitaufwand ist eine kleine Schar von Menschen dem Fotografen auf der Spur.

Der ist 1956 gestorben, fotografiert hatte er da schon lange nicht mehr, die Augen, die Augen. Sein Atelier gab es bis eben noch, ein mehr oder weniger provisorisch und schlicht hingestellter Bau, ein paar Balken auf die Erde gelegt, den Holzboden drüber, ein paar Mauern und jede Menge Fenster. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Nachfahren von Karl Weiß Haus und Atelieranbau als Wohnraum genutzt, jetzt aber hat doch der Zahn der Zeit am Atelierbau genagt, die Balken morsch, die Wände feucht, nun also kommt der Abrissbagger.

Der Urenkel des Fotografen wird jetzt hier einziehen, er wird erhalten, was zu erhalten ist, schließlich weiß er um die Vergangenheit des Hauses. Die Fotoleidenschaft des Urgroßvaters hat er nicht geerbt, aber oben, unterm Dach, hat er noch ein paar Truhen und Kisten gefunden, mit denen Karl Weiß auf seinen Fototouren unterwegs war. Hölzerne und lederne Ungetüme, die Karl Weiß überall mit hin begleitet haben und ihm halfen, das Leben in der Region auf Glasplatten zu bannen.

 

Wenn Sie also Foto- und/oder Geschichtsfan sind, sollten Sie sich mal um diesen Karl Weiß kümmern, hier bei (Klick!) wikidingsbums können Sie ein bisschen was erfahren, und hier finden Sie noch mehr, und auch die Öffnungszeiten des Buchener Bezirksmuseums.