Realitäten.

Ich habe mich dieser Tage am Teich im Wald mal mit einem besonderen fotografischen Genre befasst, nämlich mit der von mir soeben erfundenen Knospenfotografie mit Bäämm-Bokeh-Effekt. Ja, da staunen Sie. Aber es bietet sich ja nun geradezu an, überall treiben inzwischen die Knospen und die zarten grünen Blättchen, selbst hier oben im Hohen Odenwald. Wir sind ja angeblich in mancherlei Hinsicht etwas hinterher, aber was die Vegetation und den Frühlingsausbruch betrifft, sind wir es erwiesenermaßen.

Und wie ich da jedenfalls so vor mich hinfotografiere, kommt mir ein Gedicht in den Sinn, das es auch als Lied gibt, und um das kein braves Berliner Gymnasiastenkind und keine brave Evangelische herumkommt, Schalom Ben Chorin, Das Zeichen.

 

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

 

Ja, als Teenager hat mich dieses Gedicht kurzzeitig schwer ergriffen, aber irgendwie war es ja auch aus Uropas Zeiten, der Krieg längst vorbei, die ewigen Erzählungen, die ewigen Mahnungen zwischendurch auch durchaus lästig in der Teeniezeit. Unsere Berliner Teeniewelt drehte sich um Pickelcreme und Tanzschulklamotten, und dann kam der Religionslehrer wieder mit so einem dabbischen Gedicht rund um den ollen Krieg.

Jedenfalls kommt es mir also in den Sinn, das Gedicht, wie ich da über den Waldboden krieche und die tollsten Knospenperspektiven und das BäämmBokeh suche. Blut und Krieg, nein das ist alles sehr weit weg hier unten, die Vöglein zwitschern und das Wasser plätschert, und manchmal schießt blitzartig eine Forelle in die Höhe, einen, anderthalb Meter hoch, um klatschend wieder im Wasser zu landen. Das alles ist sehr friedlich, und wenn smartphone, Computer und die Nachrichten im Autoradio nicht wären, könnte ich mir einbilden, die Welt sei ein wunderbarer Ort und das Gedicht vom Mandelzweig ein Relikt aus uralten Zeiten.

Ginge mir das in der Großstadt auch so? Könnte ich die Realität da auch verdrängen, zwischendurch zumindest? Und was ist überhaupt die Realität? Die zwitschernden Vöglein, die glänzenden Forellen im Wasser, der zarte Wind in den Zweigen und die tiefe Stille hier im friedlichen Odenwald? Oder ist die Realität das, was auch hier aus den Radios und den Zeitungen herausquillt, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, der Hass, der Krieg, das Blut, überall? Ach, es ist kompliziert.

 

Ich krieche herum und knipse die Knospen und genieße den Frieden, und dann packe ich die Hunde ins Auto und fahre Richtung zuhause. Unterwegs sehe ich das Haus, in dem die jungen Afghanen untergebracht sind, sie hocken im Garten in den Gemüsebeeten und harken und zupfen, und ich halte an und wir plaudern ein bisschen. Was ihre Ausbildung macht, dass der eine schon einen festen Job hat und der andere eine eigene Wohnung sucht. Ob sie überhaupt bleiben dürfen. Und warum sie nicht zurück nach Afghanistan wollen. Lebensgefährlich!, sagt der eine, Es ist halt so, sagt schulterzuckend der andere.

Realitäten. Es ist kompliziert.

 

 

 

 

Schlammschlacht.

Das Wetter war am Ostersonntag in etwa wie befürchtet, es regnete, es goss, es hagelte, es kamen nasse Schneebrocken vom Himmel, zwischendurch lachte sich kurz am Himmel die Sonne schenkelklopfend schief über all jene, die kurzentschlossen einen Spaziergang wagten, um Minuten später doch wieder durchnässt zu werden.

Ich war natürlich auch draussen, ich wurde natürlich auch durchnässt, und das wurde dann ein bisschen frisch, und dann wollte auch ich lieber wieder heim. Da hatte ich aber die Rechnung ohne Petrus und seine irdischen Vollzugsgehilfen gemacht, jedenfalls musste ich zwecks Heimfahrt kurz wenden, ich tat das Richtung eines im Regen versunkenen Ackers, ich machte das wirklich sehr vorsichtig und nur zentimeterweise, ich kenne mich ja inzwischen aus und fahre ohnehin in allen Lebenslagen vorbildlich, – und dann blieb ich im Schlamm stecken.

 

Es ging weder vor noch zurück, ich bin da wirklich halbwegs erfahren, ich habe mich mit allerlei Autos noch aus jeder acht-Meter-hohen Schneewehe herausgekämpft, mir macht man selbst bei Glatteis wenig vor. Aber hier ging nichts mehr. Nichts.

Überall Matsch und Schlamm, die Reifen drehten durch, und ich tat es ihnen irgendwann gleich. Gab dann vermutlich auch zuviel Gas, der Schlamm spritzte, die Reifen drehten mit einer Art Fiep-Ton glitschig auf der Stelle, der Wagen glitschte nach hier und glitschte nach da, aber bloß nicht da hin, wo es Richtung Zuhause ging, und im Kofferraum kläfften wie wild die nassen Hunde. All das mitten in Gottes freier und völlig menschenleerer Natur, logo, is klar.

 

 

Um es kurz zu machen: Irgendwann kam der Forellenmann des Weges, out of the blue, quasi, ihn hatte der Himmel geschickt. Zu zweit konnten wir in Sachen Schlammschlacht wenig ausrichten, aber der Forellenmann erwartete zum Abendessen Gäste in seiner Hütte am See, eine kleine österliche Festgesellschaft sozusagen, die würde helfen und den Karren aus dem Dreck ziehen.

 

Ratlos im Schlamm.

 

 

Ich sah also vor meiner schlammbespritzten Sehhilfe, vorallem aber vor meinem geistigen Auge bereits feingewandete Damen und Herren, die nun also mit eleganten Schühchen und dunklen Hosen auf des Forellenmanns Befehl hin in den knöcheltiefen Schlamm waten sollten, um sich dann von meinen durchdrehenden Reifen komplett einsauen zu lassen. Ich schätze die ländliche Solidarität in Notsituationen ja sehr, aber das hier schien mir doch zu weit zu gehen.

Egal, wie, irgendwann kamen die Gäste in einem Stadtauto den holprigen Feldweg hinunter, sie staunten schon aus dem Fenster auf das verschlammte Auto und die verschlammte Frau und stiegen dann aus. Allesamt – und damit meine ich: allesamt – an den Füßen bekleidet mit professionellen Gummistiefeln. Zwei Herren, eine Dame, ein kleines Mädchen, ein halbwüchsiger Junge. Alle in Gummistiefeln. So sehen wir immer aus, wenn wir bei solchem Wetter hier zum Essen eingeladen sind, sagte einer der Männer, so, als seien Gummistiefel das einzig wahre Outfit für ein Odenwälder Osterabendessen.

Eins!, …Zwei!, …Drei!! Die Herrschaften in den Gummistiefeln schoben mich also mal eben aus der Schlammerei heraus, es war eine Sache von wenigen Minuten, und dann gings zur Schlemmerei an den See. Und ich fuhr dankbar schlammspritzend Richtung heimischem Abendessen und fühlte mich, als käme ich eben von der Siegerehrung eines off-road-Rennens.

 

Dafür liebe ich das Landleben. Ich meine, haben Sie mitten in einer Großstadt schon mal Leute getroffen, die zu einer Abendessenseinladung in Gummistiefeln erscheinen? In Berlin-Wilmersdorf oder Hamburg-Nienstedten oder in der Münchener Isarvorstadt?  Eben. Ich auch nicht.

(Dass es mitten in der Großstadt auch keine Schlamm-Äcker gibt, in denen man versinken kann, ist dann natürlich wieder eine andere Geschichte, das ignorieren wir an dieser Stelle einfach.)

 

 

 

Bevor der Regen kommt.

Bevor der Regen kommt, habe ich Ihnen noch schnell mal den Abendhimmel am Karsamstag geknipst, ich fand, er sei es wert. Es soll ja nun ganz schauderhaftes Wetter werden zu Ostern, das tut mir immer leid für die lieben Kleinen, die eigentlich draußen im Grünen die Eier suchen wollten. Oder sollten.

Bei Wagenschwend. Der Himmel ist da einfach immer schön. Also, fast immer.

 

Wobei man hört, dass Kinder heutzutage überhaupt keine Eier mehr suchen, sondern sich eher vor einem Gabentisch wiederfinden, auf dem sich die tollsten Geschenke türmen. Ja, ich las sogar, in den Fußgängerzonen und in den Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser sei es in den vergangenen Tagen zugegangen wie vor Weihnachten. Ich gebe das hier nur so weiter, ich selber kann das nicht beurteilen, weil es hier in der Gegend rund ums Dorf ja bekanntermaßen weder ernstzunehmende Fußgängerzonen noch Kaufhäuser mit Spielwarenabteilung gibt.

Zu meiner Zeit gab es so ein Ostergeschenkegedöns ja nicht. Krückstockgefuchtel, würde der verehrte Herr Buddenbohm hier einfügen, der dürfte in etwa meine Generation sein. Zu meiner Zeit gab es kleine Schokoladeneier, die manchmal mit einer zähen, pfefferminzigbappsüßen Creme gefüllt waren, die bei uns unter dem Namen Kalter Frisör gehandelt wurde. Ich habe bereits mehrere Odenwälder Frisöre kontaktiert, ob sie erklären können, wo der Begriff herkommt, aber hier in der Region ist dieser Name gänzlich unbekannt, oder Frisöre generell nur feurig oder warm, ach, was weiß denn ich.

Wenn man sehr viel Glück hatte, stand im Osternest ein feiner Osterhase, angeblich heißen die jetzt auch neuerdings Traditionshase, also jedenfalls so ein hohler Kollege, dem man die Ohren abbeißen konnte.  Ich hatte ja damals für Tiere noch überhaupt keinen Sinn.

 

Ich erinnere mich an zahllose Osterfeste zuhause, mit lustiger Eiersuche, die in meiner Erinnerung immer drinnen stattfand. Weil: draußen entweder Schnee oder Regen. Besonders lustig waren die Verstecke, die mein Vater auswählte, sie waren so gut und raffiniert, dass niemand sie je fand und sie der Vater in all der österlichen Freude  auch vergaß.

Da lagen dann manchmal hartgekochte und bemalte Eier, oder eben Schokoeier, sie lagen und lagen, und warteten und warteten, aber niemand fand sie. Bis dann, so in der Adventszeit oder rund um Silvester, ein geheimnisvolles Knistern und Knacken und ein merkwürdiger Geruch das Haus erfüllten. Oder hinter irgendeinem Heizkörper braune Schokocreme die Wand entlanglief. Ja, das war lustig. Fanden wir Kinder jedenfalls. Meine Mutter fand das weniger, sie lüftete morgens, mittags, abends unter sehr unchristlichen Flüchen, um den österlichen Buttersäure-Gestank zu vertreiben, wochenlang ging das so, aber irgendwann wurde die Ehe ja dann ohnehin geschieden.

Falls Sie also zu jenen gehören, die zu Ostern noch altmodisch Eier verstecken – machen Sie sich Notizen, damit nicht hinterher eines fehlt. Oder nutzen sie Bluetooth oder GPS, die Eier heutzutage werden sich doch irgendwie ausstatten lassen mit den entsprechenden Empfangssignalen, das ist doch alles kein Problem.

In diesem Sinne: Gute Ostertage.

 

 

 

 

Unterwegs.

Ich hatte da heute einen dieser dienstlichen Termine, bei denen ich denke, ja, das ist schon ein verdammt schöner Job, den ich da habe. Gutes Gespräch über die existentiellen Fragen des Lebens, mit einem halbwegs Fremden, und danach noch eine kleine Besichtigungsfahrt am Neckar entlang. Und ja, es gibt tatsächlich immer noch Ecken, die ich nicht kenne in dieser Region. Und mein Geo hat hinterher schön geschimpft, warum ich nicht säckeweise Bärlauch mit nach Hause gebracht habe. Aber, ich bitte Sie, ich war ja schließlich dienstlich unterwegs.

Alles Bärlauch.

 

 

 

 

 

Ehrlich.

Wir waren heute im Wildpark in Schwarzach. Das ist an einem sonnigen Sonntag eine ziemlich dumme Idee, zumal, wenn man keine Kleinkinder dabei hat. Dann läuft man da herum wie so ein Alien aus einer anderen Welt, zwischen kreischenden Mädchen mit rosafarbenen Anoraks, Jungen, die mit Ästen fuchteln, und Eltern die wahlweise rufen Hör jetzt endlich auf, die Enten zu ärgern, Tobias! oder Ooooh, schau mal die süüüüßen Häschen. Ich habe mir eingebildet, einige Eltern schauten uns auf eine halbwegs neidische Art hinterher, aber das kann nun wirklich Einbildung sein.

Jedenfalls waren wir natürlich aus Gründen im Wildpark, wir hatten es auf die Zwergziegen abgesehen. Wir wollten mal gucken, wie die da so wohnen, wie hoch ein Zwergziegenzaun so ist und welche Klettermöglichkeiten die so haben. Ich meine, wir wollten uns nur mal informieren. Ganz unverbindlich. Einfach so. Ohne jeden Hintergedanken. Ehrlich. Isch schwöre. 

Nur mal gucken.

 

Ehrlich.

 

Ich meine, wer würde sich freiwillig solche Kobolde ins Haus holen?

 

Gucken wird man ja noch dürfen.

 

 

 

Grußwort.

Es gehört zu meinem Job in der vermeintlichen Provinz, dass ich mehr oder weniger regelmäßig zu öffentlichen Veranstaltungen muss, zu feierlichen Einweihungen, Eröffnungen, Tagungen, Diskussionsrunden, Bürgerforen, naja, Sie wissen schon, lauter solche Termine, wo sich allerlei Menschen und vorallem allerlei hiesige Prominenz zusammenfindet. Ich liebe diese Art von Veranstaltungen, ganz ehrlich, ich finde es herrlich, so mittendrin bei den Menschen und den jeweiligen Themen zu sein, und irgendwas journalistisch Verwertbares ist da immer dabei, irgendetwas kann man da immer lernen.

Ich wäre also ein uneingeschränkt großer Freund dieser Art von Terminen, wenn – ja, wenn da nur nicht das gemeine Grußwort wäre. Ich habe während meiner Zeit als Journalistin in Berlin oder München, Mannheim oder Ludwigshafen, Speyer oder Mainz nicht einmal geahnt, was sich hinter dem Begriff verbergen  könnte, das Phänomen Grußwort begegnete mir erst mit dem Umzug aufs Land. Aber vielleicht verkläre ich da auch die Vergangenheit ein bisschen, wer weiß das schon.

Jedenfalls verursacht mir inzwischen schon allein das Wort eine Mischung aus nervösem Zucken und akuter Narkolepsie, und wenn ich eine Einladung zu einer Veranstaltung aus dem dienstlichen Briefkasten fische, dann ist mir zunächst einmal völlig wumpe, was wann wo gefeiert, eröffnet oder eingeweiht wird. Mein erster entsetzensstarrer Blick gilt der Liste der Grußwortredner, um mich psychisch und mental auf das Ereignis einzustellen. Und die Liste ist in der Regel eines: lang.

Landräte, Bürgermeister, Ortsvorsteher, Pfarrer, katholisch/evangelisch, Vereinsvorsitzende, MdLs, MdBs, MdEPs, Abgesandte von Ministerien, Bundesregierung, sie alle wollen ein Grußwort an uns richten, bevor die eigentliche Veranstaltung beginnt, je nach Anlass kommen dann noch Bauherren dazu, Architekten, Vertreter von Hochbau- oder Tiefbauamt, Schulamt/Kindergarten, Ärzteverband, Landwirtschaftsamt, Jägerschaft, Tierschutzverein, Vegetarier, Veganer, Fleischfresser, Impfgegner, Impfbefürworter, Radfahrer, Fußgänger, Rothaarige und Blonde, Schwarze, Rote, Grüne und wasweißichnichtnochalles.

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen, irgendwer findet sich immer, der das siebte, achte, zwölfte oder dreizehnte Grußwort des Tages halten möchte, es gibt, so munkelt man, Menschen, die erscheinen überhaupt nur bei Veranstaltungen, wenn sie dort auch ein Grußwort halten dürfen, ja, soweit ist es angeblich schon gekommen hierzulande.

Wobei der Begriff des Grußwortes natürlich völlig  in die Irre führt. Von einem Wort kann nicht die Rede sein, das durchschnittliche Grußwort besteht aus 800 bis 1000 Wörtern, das ist eine grobe Schätzung meinerseits, aufgrund meiner inzwischen mehr als 15-jährigen leidvollen Erfahrung. Der inhaltliche Gehalt der Grußworte zu Beginn einer Veranstaltung schwankt dabei ganz erheblich, es gibt da natürlich sicher auch wunderbar rhetorische Perlen, aber wenn der zehnte Grußwortredner mit elastischem Schritt und hochmotiviert Richtung Rednerpodest federt, weil seine große Stunde gekommen ist, dann sind zumindest in meinem Fall die rhetorischen Perlen vor die Säue geworfen. Ab Grußwortredner Nummer Fünf pflege ich in der Regel abzuschalten, früher habe ich es nur bis Nummer Vier geschafft, immerhin eine Steigerung, ich kann nichts dafür, es sind die natürlichen Vorgänge in Körper und Geist, ich bin für Grußwortmarathons nicht gemacht und muss mir meine Kräfte sorgsam einteilen, um nach 60 bis 90 Minuten voller Grußworte irgendwann noch genug Konzentration für die eigentliche Veranstaltung zu haben.

Ziehe ich in meiner Verzweiflung den Duden zurate, dann heißt es dort, ein Grußwort sei eine kurze Rede, mit der ein Redner beispielsweise die Gäste einer Tagung begrüßt. Nun ist der Begriff kurz natürlich dehnbar, siehe oben, und was genau begrüßen heißt, steht da leider auch nicht. So ist es beispielsweise eine beliebte Praxis, die gesamte Hintergrund- und Entstehungsgeschichte der besagten Veranstaltung nocheinmal detailliert zu referieren, von den Anfängen 1972 bis zum heutigen Festtage, wo wir hier nun alle zusammensitzen. Nicht von einem Grußwortredner, sondern am liebsten von allen. Und nicht ohne den gerne gehörten Zusatz Mein Vorredner hat ja im Grunde schon alles gesagt (ein erleichtertes Seufzen geht durchs Publikum), aber lassen Sie mich trotzdem noch einmal (die Zuhörer sinken ermattet in sich zusammen) die Geschichte Revue passieren lassen. 

Je näher irgendwelche Wahlen rücken, desto beliebter werden übrigens bei einigen Grußwortrednern die Termine, bei denen sie Grußworte halten können. Das Wort wird ergriffen und nicht mehr losgelassen, da spannen sich die Bögen munter von der neuen Kläranlage im Dorf zu der hervorragenden/katastrophalen Umweltpolitik der guten/bösen Bundesregierung, da ist der sanierte Kindergarten nur einen Steinwurf entfernt von der verheerenden/großartigen Sozialpolitik des Landes und dem sinnvollen/sinnlosen Wahlprogramm der SPD/CDU/FDP/Bündnis90, da kommt man im einzuweihenden Dorfgemeinschaftshaus ganz schnell zu Wohl und Wehe der tollen/doofen Europapolitik, und aus dem vorbildlichen Offenstall für Milchkühe in einem 120-Seelen-Ort fliegen wir flugs über die weltweite Agrarpolitik Richtung Rußland und Amerika, zu Putin, Donald Trump und Co, und täglich grüßt das Murmeltier. Ich überspitze hier vielleicht ein bisschen, aber so in etwa müssen Sie sich das vorstellen.

Immerhin gibt es aber Vertreter, die nicht nur innovativ und ressourcenschonend, sondern auch im Sinne der Zuhörer aktiv werden, ich beobachte seit einiger Zeit so eine Art Grußwort-Sharing, vielleicht funktioniert es auch mit einem Rabatt-Märkchen-System oder mit Sammelalben, ich habe das noch nicht ganz begriffen, aber jedenfalls häufen sich die glücklichen Fälle, wo einer für mehrere spricht und damit die Grußwortrednerliste erheblich strafft, beispielsweise von acht auf fünf, oder so.

Und ich erinnere mich an den Landtagsabgeordneten, der bei einer besonders denkwürdigen Veranstaltung unter freiem Himmel und bei gefühlten 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten als Zehnter oder Zwölfter – so genau erinnere ich mich nicht, ich war quasi im Hitze- und Grußwortdelirium, – an das Pult trat mit den Worten Ich soll hier ein Grußwort sprechen. Ich grüße Sie im Namen meiner Partei und wünsche Ihnen eine gute Veranstaltung!, und damit verließ er die Bühne wieder. Das Publikum schreckte wie vom Blitz getroffen aus der kollektiven Lethargie empor, klatschte und johlte und trampelte mit den Füßen auf den staubigen Boden wie entfesselt.

Vielleicht besteht ja also doch noch Hoffnung.

 

 

P.S. dieser Artikel ist hier vor einem Jahr schon mal erschienen. Ich musste ihn jetzt einfach nochmal einstellen. Aus Gründen. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

Im Vorbeifahren.

Sie kennen das Procedere: Einfach die Kamera aus dem fahrenden Auto halten und mehr oder weniger willenlos durch die Gegend knipsen, mal schief und krumm, mal unscharf, jedenfalls nicht auf der Suche nach dem ästhetisch schönsten Motiv, sondern einfach ablichten, was da am Fenster vorüberfliegt. Einen Reim drauf machen müssen Sie sich dann schon selber.