Liebesleben.

Falls Ihnen beim Lesen hier im ansonsten ja eher harmlosen Blog Minderjähige über die Schulter schauen sollten, entfernen Sie diese jetzt lieber. Die Geschichte, die hier in aller gebotenen Kürze erzählt wird, ist nicht zu hundert Prozent jugendfrei.

Also. Was ich eigentlich sagen wollte: Da warte ich dieser Tage an der Kasse eines kleinen Supermarktes in einem der umliegenden Dörfer, ich begucke die geräucherte Wurst in meinem Einkaufswagen, die zwei Putenschenkel und das samtweiche Toilettenpapier, dreilagig, das es im Angebot gibt. Außerdem habe ich Fenchel-Kümmel-Tee erstanden, und alkoholfreies Bier. Ich stehe also da herum und warte.

Die Wartenden um mich herum plaudern und lachen, hier kennt jeder jeden, man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand, kommentiert seine eigenen Einkäufe und die im Wagen des Nachbarn, die einen warten, die anderen zahlen, und dann wünscht man sich n’scheener Daach noch. Die Kassenzone ist hierzulande quasi der Dreh- und Angelpunkt der dörflichen Kommunikation und des gesellschaftlichen Austauschs.

Und wie ich so warte und warte und meine Blicke wandern lasse vom Einkaufswageninhalt quer durch die Leute und quer durch den Laden, merke ich, dass ich hier im Kassenbereich direkt neben einem Verkaufsaufsteller für Adventskalender stehe. Der zieht nun meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur der Advent steht vor der Tür, sondern hier also vielleicht auch der passende Odenwälder Adventskalender.

Leider handelt es sich bei näherer Betrachtung allerdings nicht explizit um einen Odenwälder Adventskalender, sondern um das Prachtstück eines Adventskalenders eines der bundesweit führenden Hersteller von erotischem Spielzeug. Für jeden Tag ein anderes Toy, oder sowas in der Art verspricht der Kalender, ich kann ja nicht allzu genau und auffällig da hinglotzen und lesen, hier im Dorf kennt ja jeder jeden, und was sollen denn die Leute denken.

Jedenfalls lese ich dank der ratzescharfen Gleitsichtkontaktlinsen etwas von Handschellen und Augenbinden und irgendwelchen Fesselstrippen und feuchtem Gel. Allerlei Zeugs also, dass den Menschen wohl auch und besonders in Badisch-Sibirien die langen und kalten sibirischen Nächte versüßen soll. Ganz billig ist der Spaß nicht, den ich da im Vorbeigehen an der Dorf-Supermarkt-Kasse mitnehmen soll, aber bitte, man muss vielleicht einfach Prioritäten setzen.

Die plaudernde Kassenschlange rückt langsam vorwärts, ich rücke natürlich mit und denke aber so für mich über Kassenschlager und Ladenhüter nach, über Kundensegmente und Verkaufsförderung, über diskrete Produktplatzierung, Sicht- und Greifhöhe-, Reck- und Bückware und über den Point-of-sale, also den aller-aller-allerbesten Ort in einem Laden, um ein bestimmtes Produkt gezielt an den liebeshungrigen Odenwälder Mann und an die verwöhnte Odenwälderin Frau zu bringen. Die Marketingexperten unter Ihnen kennen das.

(Im Internet verspricht der Sexadventskalenderhersteller übrigens absolut diskrete Zusendung per Post, weißer Umschlag, ohne Firmennamen und das ganze PiPaPo, falls man sich da online was bestellen will. Muss ja nicht gleich der Postbote und dann das ganze Dorf wissen, undsoweiter, haha, naja, Sie verstehen schon.)

 

Und jetzt weiß ich auch nicht.

 

 

P.S. Nein, ich habe natürlich kein Foto von dem Sex-toy-Adentskalender-Warenträger gemacht. Hier kennt doch jeder jeden. Was sollen denn die Leute denken. Also, ehrlich.

 

 

 

12 von 12.

Mitte November schon fast, lieber Himmel, die Zeit verrennt und gleich ist wieder Weihnachten. Aber heute ist erstmal #12von12. Die Bloggeraktion der freundlichen Bloggerin mit den Kännchen, wir sollen 12 Bilder am 12. eines Monats einstellen, also bitte sehr.

1/12

 

2/12 Langschläferhunde, gottlob.

 

3/12 Unterwegs zur Hunderunde.

 

4/12 Und täglich grüßt das Murmeltier.

 

5/12 *weint leise*

 

6/12 Gemütliches Mittagessen. Oder so.

 

7/12 Der Redaktionsvolontär langweilt sich. Ich mich leider nicht.

 

8/12 *weint nochmal leise*

 

9/12 *weint etwas lauter*

10/12 Ich liebe 17-Uhr-Termine.

11/12

 

12/12 Feierabend.

 

 

 

 

 

 

 

Waffenstillstand.

Heute vor einhundert Jahren kam der Waffenstillstand. Nach vier Jahren des Krieges, des Grauens, des Mordens. Manche von denen, die mit Hurraa! und geschwenkten Fahnen in den Ersten Weltkrieg gezogen waren, konnten endlich wieder nach Hause. Viele andere waren im Krieg geblieben, wie das immer so schön heißt. Richtiger müsste es heißen: Sie waren jämmerlich verreckt, zerschossen, erstickt, krepiert, irgendwo in einem Schützengraben, einem Minentrichter. Ehrenhaft, für Volk und Vaterland, ach, was weiß ich.

Endlich war Frieden. Ein Frieden, der aber in Wirklichkeit nur Anlauf nahm zum nächsten Weltkrieg, erst langsam, dann immer schneller. Gelernt hatte man nichts.

Hundert Jahre ist das her, verdammt lang her. Für mich eine Episode aus dem langweiligen Geschichtsunterricht am Berliner Gymnasium. Nicht weniger, nicht mehr. Bis ich vor einiger Zeit in Verdun war und dort zum ersten Mal darüber nachdachte, wer aus meiner Familie wohl überhaupt im Ersten Weltkrieg unterwegs war.

Es stellte sich heraus: Beide meine Großväter haben im Ersten Weltkrieg gekämpft, beide in Verdun. Beide habe ich noch kennenlernen dürfen, habe an sie die Erinnerungen des kleinen Kindes an den mütterlicherseitigen hageren Berliner Großpapa und an den dicken und immer freundlichen sächsischen Opa väterlicherseits. Also doch gar nicht so lang her?

Noch näher kommt mir die vermeintlich so weit entfernte Geschichte, wenn ich mich hier in den Dörfern umschaue. Überall stehen die Kriegerdenkmäler mit den eingemeißelten Namen der Opfer. Familiennamen, die bis heute überall präsent sind. Wenigstens die hat der Krieg nicht aufgefressen, der Erste nicht, der Zweite nicht. Auf manchen dieser Denkmäler stehen gleich mehrere gefallene Soldaten mit dem selben Familiennamen, drei-, vier-, fünfmal findet sich da der selbe Nachname. Was für ein Grauen.

Wenn ich im Dorfmuseum die Bilder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs anschaue, die Familiennamen dazu lese, dann kann ich mir bei dem einen oder anderen jungen Mann sogar einbilden, dass ich wüsste, zu welcher Familie er gehört. Die Augen, die Nase, der Mund, das kenne ich doch, das wirkt doch ganz vertraut – sieht nicht der Erwin heute ganz ähnlich aus, oder die Gertrud aus dem Nachbardorf?

Oder die Umgebung, in der das Bild entstanden ist: Auf einem Foto aus dem Archiv des Buchener Fotografen Karl Weiß sieht man kurz nach Kriegsende 1918 eine große Gruppe französischer Kriegsgefangener im Buchener Museumshof. zwei Schritte neben meinem Büro, dort, wo ich also ein paarmal jede Woche langkomme. Unverändert ist der Museumshof bis heute, und das Foto mit den Kriegsgefangenen erzeugt eine fast bedrängende Nähe. Also doch gar nicht so lang her.

Eine große Gruppe von französischen Kriegsgefangenen mit der zu ihrer Bewachung abgestellten Landwehrmannschaft, aufgenommen in Buchen im heutigen Museumshof. Rechts das damals noch verputzte Trunzerhaus, im Hintergrund das ehemalige Anwesen Kieser, heute Josef Pflüger. Rechts davon der Gasthof „Zum Schwanen“.

 

Ich traf neulich in einem der benachbarten Dörfer einen Mann, dessen Familienname sich auf dem Kriegerdenkmal mehrfach findet, für den ersten und den zweiten Weltkrieg. Mit all diesen toten Soldaten war er irgendwie verwandt. Und beklagte, dass sich alljährlich zum Volkstrauertag immer nur ein Häuflein Menschen einfände zur Gedenkfeier, und immer dieselben, die Alten. Schließlich sollten auch die Jungen sich erinnern, es ist doch alles nicht lang her. Und so Vieles geht schon wieder los. 

Ich selber war nie ein Freund von Kriegerdenkmälern und Volkstrauertag. Zu viele haben mit dem Gedenken Schindluder getrieben. Aber plötzlich dachte ich: er hat vielleicht ja recht.

 

 

 

 

 

P.S. Sehr spannend: Ein Artikel über die etwas anderen Folgen des Ersten Weltkriegs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fundstück.

Ich bin da heute mitten im tiefen Wald durchs unterste Unterholz gestolpert, fernab aller größeren und kleineren Wege, es waren nur noch zugewachsene Pfade, denen ich folgte, und da entdeckte ich sowas wie eine etwas andere Waldhütte.

Ja, ich hatte diesmal wieder nur die olle Händi-Knipse dabei.

Ich nehme an, das ist eine Art Waldarbeiterhütte. Allerdings fehlten die entsprechenden Busen- Pinups Klischee-Bilder innen an den Wänden. Ja, ich habe einen Blick hinein geworfen, die Tür stand halb offen, ich war so frei. Und hatte ja auch Hunde dabei, für den Fall, dass da ein Massenmörder herausgesprungen wäre. Ein Waldschrat mit verfilztem Zottelbart und wirrem Haar. Oder mir eine Leiche entgegengekullert käme. Mit alldem hatte ich ein bisschen gerechnet, zugegeben. *wischt sich immernoch den Angstschweiß von der Stirne*

Waldarbeiterhütte? Oder Endstation Unterholz-Schrottplatz? Spart die Entsorgungskosten, man kennt das ja, leider. Jedenfalls war es ein bisschen unheimlich.

Vielleicht habe ich nur zu oft Tatort geschaut. Oder irgendwelche Horrorfilme, die im Wald spielen. Um genau zu sein, habe ich in meinem Leben allerdings noch nicht einen einzigen Tatort und noch keinen einzigen Horrorfilm geschaut. Ich werde ja schon bei ollen Krimi-Klassikern wie Edgar Wallace Der Frosch mit der Maske ganz wuschig, weil ich so zart besaitet bin.

Und in Wirklichkeit ist das vielleicht weder eine Waldarbeiterhütte noch ein Ersatzschrottplatz, sondern eine romantische Liebeslaube. Für wen und wann und was auch immer. Des krieje mer aa noch raus!, würde der alte Kalle Friedmann jetzt grinsend sagen. Oder sowas in der Art.

 

 

P.S. Im Übrigen traf ich später auf dem größeren Waldweg dann noch eine Schlägertruppe. Also, eine Christbaum-Schläger-Truppe. Mit schwerem Gerät und Netzen und allem, was man halt so braucht, wenn man Christbäume schlagen und eintüten will. Ja, es geht schon wieder los. Damit Sie zum Heiligen Christfest unter einem frisch geschlagenen Tannenbaum sitzen und Oh, Du Fröööh-liche-he singen können.

 

 

 

Unterwegs.

Ich habe heute zur mittäglichen Hunderunde im Wald zwischen Waldhausen und Bödigheim endlich mal wieder diese blödsinnig schweren zwei Drecksspiegelreflexkameras einen vernünftigen Fotoapparat mitgenommen. Buchen- und Mischwald im Goldenen Herbst,  es gibt wenig Schöneres, wenn Sie mich fragen. Aber mich fragt ja wieder keiner.

 

 

 

 

 

 

 

 

WMDEDGT.

Heute will einmal mehr die freundliche Nachbarbloggerin wissen, was wir eigentlich alle so den ganzen Tag treiben, in Kurzform heißt das wmdedgt, also zu Deutsch: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag. Bitte sehr: hier kann man alle Beiträge lesen, und ich bin gerne auch dabei.

Obwohl das nun mal wieder ein stinknormaler Montag ist. Das heißt, so stinknormal nicht, denn ich habe verschlafen. Ja, wenn Sie mich kennen würden, von Kindesbeinen an, dann wüssten Sie, welche Dramatik in diesen drei Worten liegt, ich habe verschlafen, diesen Satz hat man von mir in den vergangenen 51 Jahren vielleicht einmal oder, wenns hoch kommt, zweimal gehört, ich habe nicht mal zu Schulzeiten verschlafen, nicht ein einziges Mal, so eine schlimme Streberin so ein braves Schulkind war ich.

Heute also verschlafen bis kurz vor Sieben Uhr, das bedeutet eine gewisse Hektik am Morgen, Ziegen füttern, Hühner füttern, Eier einsammeln, Haare kämmen, Krönchen richten, mit den Hunden rasch mal ums Quadrat, naja, was halt so anfällt, morgens auf dem Lande. Dann schnell ins Büro und ans Telefon geklemmt, Schaltkonferenz mit den Kollegen im großen Funkhaus, wer macht was und wieso überhaupt, was kann die rasende Reporterin vom Odenwald liefern, und was sollte man im Blick behalten.

Aber der Premieren sind noch nicht genug: Am Vormittag nehme ich am ersten Webinar meines ansonsten doch recht durchdigitalisierten Lebens teil, Bildgestaltung für Hörfunker nennt sich das und ist sehr spannend. Unsereiner ist ja inzwischen nicht mehr Hörfunker oder Fernsehfrau oder onliner, sondern jeder und jede alles in Einem, und das will gelernt sein. Ich entdecke da nach anfänglichem Zögern einen großen Reiz, und während andere Kollegen noch angsterfüllt auf die vielen Apps und blinkenden Balken auf dem Smartphone starren, bin ich schon am Fummeln. Leider bisher zwar mit großer Neugierde, aber ohne jedes fachliche Wissen, aber naja, wir alle haben mal klein angefangen.

Dann telefoniere ich mit einer netten Kollegin vom Deutschlandfunk, die mich für eine Gesprächsrunde gewinnen will, oha. Über die Attraktivität des Landlebens. Na also, bitte.  Wie sie denn auf mich gekommen sei, frage ich, und sie antwortet, na, durch Ihr cooles Blog. Ich bin natürlich maximal geschmeichelt, Sie können sich das denken.

Was ich denn so tue, als Korrespondentin auf dem Lande, will sie wissen, das ist so ähnlich wie die heutige Blogger-Frage Was machst Du eigentlich den ganzen Tag. Worüber ich denn so berichte? Über alles. antworte ich wahrheitsgemäß. Wie, über alles?, fragt sie ratlos nach, für manch einen Kollegen in den großen Funkhäusern ist das ganz und gar nicht vorstellbar. Und ich spule die übliche Leier vom Reporter-Trüffelschwein vor Ort ab: Ich berichte über Politik, Wirtschaft und Kultur, Polizeibericht und Landwirtschaft, hin und wieder über Sport, human touch, Tierbabies und Kinder. Tierbabies und Kinder gehen immer, wegen der süßen großen Augen, selbst im Radio, Sie kennen das.

Und heute ist das eigentlich auch so ein Tag, ich befasse mich mit Drogenhändlern, einer alten Dorflinde, mit dem ehrenamtlichen Engagement im Landkreis, mit der Bilanz der hiesigen Festspielsaison. Ich sitze im Büro, telefoniere herum, mache eine Mittagspause im Herbstwald, gehe am späten Nachmittag zu einer Ausschußsitzung des Kreistages, plaudere hier und da, mache Termine aus, sammle Ideen. Später am Abend wieder ins Büro, die entsprechenden Beiträge und Nachrichten für morgen basteln.

Und jetzt zuhause dem Mann beim Kochen zuschauen.

Also eben doch ein stinknormaler Tag.

 

 

 

Unterwegs.

Ich bin da heute mal wieder kreuz und quer durch den Landkreis gefahren. Über Bundesstraßen, Landesstraßen, Ortsdurchfahrten, Gemeindeverbindungswege, eigentlich wie immer, das ganze Programm. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich bin mal gefahren, mal gehoppelt, denn manch eine Straße hier hat es ja durchaus in sich. Da braucht ein Fahranfänger gute Nerven.

Weil ich aber kein Fahranfänger bin, und zudem gestählt durch inzwischen jahrelange Erfahrung in der vermeintlichen Provinz, brauche ich keine guten Nerven mehr, nur gute Stoßdämpfer. Naja, Sie wissen schon. Ländlicher Raum halt. Im reichsten Bundesland immerhin.

Kommen Sie einfach mal mit zu einem wilden Ritt (Binnenreim, hamse gemerkt, wa) über den Asphalt. Wenn man das überhaupt noch so nennen kannÜber eine unserer schönsten Landesstraßen*. Schlimmer als in der hintersten Walachei!, schimpft manch einer hier. Ich war noch nie in der Walachei, ich weiß nicht mal, wo deren hinterste Ecke liegt, also schauen Sie mal besser selber.

 

 

*Das Wort Landesstraße verweist in diesem Falle sehr klar auf die Zuständigkeiten. Für Landesstraßen ist das Land verantwortlich. Für Bundesstraßen – richtig! – der Bund. Ja, da hamse wieder was gelernt. Und wenn ich das richtig verstanden habe, kann kein popeliger Landkreis dieser Welt eine Landes- oder Bundesstraße sanieren oderwasweissich, wenn das zuständige Land oder der zuständige Bund sich nicht so richtig kümmert. Da kann man nur danebenstehen und weinen. Oder den abgefallenen Auspufftopf einsammeln.

Das Einzige, was da vermutlich hülfe: mal die verantwortlichen Damen und Herren zu einer lustigen Ausfahrt einladen, gerne in einem Porsche 959. Brettharte Sportversion, ohne Niveauregulierung. Oder in einem maximal schaukelnden 2CV, da kommen sich die Damen und die Herren sicher näher und sind hinterher ganz handzahm. Hei, Kinder, das wird ein Spaß.

 

 

P.S.: Wir haben hier natürlich auch sehr schicke Straßen, so richtig feine, bei denen einem die Stoßdämpfer bald einschlafen vor lauter Nichtstun. So isses ja nun nicht. Und vielleicht sind die ollen Hoppelstrecken ja auch nur dazu da, dass wir die tollen Straßen wieder schätzen lernen. Oder das Autofahren nicht ver-lernen.

 

P.P.s.: Ich habe jetzt nochmal recherchiert, was es eigentlich mit der Walachei auf sich hat. Die ist so alt, die gibt’s schon gar nicht mehr. Die hat sich quasi aufgelöst. Wie andernorts der Straßenbelag. Und ausserdem hat sie was mit Dracula zu tun. Wahrscheinlich hätte der sich an manchen Themen hier schön die spitzen Zähne ausgebissen.

 

 

 

 

 

 

 

Messermänner.

Wir alle stammen ja mehr oder weniger direkt vom Neandertaler ab. Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht an die seligen Zeiten erinnern, als Vati bis an die Zähne bewaffnet loszog, um eigenhändig Bären oder Elche zu meucheln, während Mutti in der Höhle blieb und wartete, was er denn wohl mit heimbrächte. Naja, Sie wissen schon. 

Aber ich schweife ab.

Jedenfalls war ich neulich dienstlich unterwegs, ich bin derzeit eigentlich ununterbrochen dienstlich unterwegs, und es verschlug mich in einen sogenannten sicherheitsrelevanten Bereich. Das sind diese Orte, wo man selbst als Journalist nicht so ohne Weiteres reinkommt, man muss sich akkreditieren, eine Woche vorher Personalausweisnummer angeben, Augenfarbe, Schuhgröße, Geburtsort, kulinarische und anderweitige Vorlieben, das ganze Programm.

Und dann steht man immer noch vor verschlossenen Türen, es geht durch elektronische Schleusen, man wird in einem kleinen Kämmerchen abgescannt und abgetastet und muss das Handy abgeben, oh mein Gott, ja, man stelle sich das vor. Und wenn es ganz schlimm kommt, muss man sich vor Eintritt auch noch einen viel zu großen, extrem peinlichen und quietschgelben Helm auf die sorgsam gestylte Frisur klemmen, der leider nur entfernt an Bob, den Baumeister, erinnert, viel eher aber an eine missglückte Fasenachtsverkleidung.

Jedenfalls fummele ich vor der ganzen Sicherheitsprozedur an einer renitenten Heftklammer herum, die sich in meinem Schreibblock verhakelt hat, und sogleich springt mir der freundliche Odenwälder Kollege mit seinem Taschenmesser zur Hilfe, um die blöde Klammer aufzubiegen.  Keine Waffen! schreit es leicht erregt und mit zweiunddreißig hörbaren Ausrufezeichen aus einer Ecke des Raumes, und wir beide schauen verdutzt in das halbwegs verzerrte Gesicht irgendeines hochbezahlten Vorstandsmitglieds im schicken dunklen Anzug.

Was?, fragt der Kollege reichlich begriffsstutzig, das gezückte Taschenmesser mit kombiniertem Sägeblatt, Feile, Seilwinde, Notstromaggregat, Wagenheber und Zahnstocher in der Hand. Keine! Waffen!, sagt der feine Herr nochmal sehr deutlich, Sie dürfen hier keine Waffen mitbringen! Der Kollege begreift immer noch nicht. Was für Waffen?, fragt er, aber ich bin ja blitzschnell im Denken und kläre ihn auf. Du darfst das Taschenmesser hier nicht mit reinnehmen, sage ich und deeskaliere die Situation damit zunächst ganz professionell.

Taschenmesser abgeben ist um ein Vielfaches schlimmer als Händi abgeben, jedenfalls reißt der liebe Odenwälder mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verwunderung die Augen auf. Ich gehe nie ohne mein Taschenmesser. Es vergeht kein Tag, an dem ich es nicht benutze. Das wiederum löst eine gewisse Verwirrung beim dem großstädtischen Head of Management officer Facility-CEO- Gedöns-Herren aus. Wofür brauchen Sie täglich ein Taschenmesser? Gibts hier im Odenwald noch Bären oder was?

Man(n) hat einfach ein Taschenmesser dabei. Immer. Fertig. Aus. Keine Pointe. Wer weiß, welche Widrigkeiten einem begegnen, so den lieben langen und ländlichen Tag. Das Taschenmesser scheint manchem hier wie angewachsen, ein unverzichtbares Accessoire, ein Körperteil, ohne das man sich nackt, ja gleichsam amputiert fühlt.

Auch die Sicherheitsmänner im Berliner Bundestag können ein Lied davon singen, hört man aus gut unterrichteten Kreisen, und allein der Hinweis Odenwälder auf den Bundestags-Besucher-Listen lasse sie erschaudern. Immer wieder besuchen Odenwälder Gruppen den Bundestag, immerhin sitzt da einer von uns und macht Politik und lädt immer wieder ein, zu politischer Bildung und Kreuzberger Nächten. Und immer wieder erweisen sich die Odenwälder als wahre Messermänner.

Keine Besuchergruppe, in der nicht fünf, sieben oder gar zehn Taschenmesser gefunden und zunächst eingezogen werden, bevor es in die Heiligen Hallen der Bundesregierung geht. Verstehen tut das hier niemand, dass ein praktisches kleines, aber eben doch überlebens-wichtiges und ganz und gar nicht lebens-gefährliches Messer in der Hosentasche für gewisse Aufregung an der Sicherheitsschleuse sorgt, immer hin sind das doch auch alles CDU-Mitglieder seit Jahrhunderten, also bitte. Aber seis drum.

Um es gleich mal klarzustellen: Ich verstehe das mit dem Taschenmesser nur allzu gut. Ich selber trage inzwischen stets und ständig ein Schweizer Messer bei mir, zumindest außerdienstlich. Blümchen schnippeln, Steinpilze absäbeln, im Wald ramponierte Nistkästen richten, Wanderstock schnitzen, Wildsauen erlegen. Sie wissen schon. Ich trage auch eine Stirnlampe immer bei mir, mal auf der Stirn, mal in der Tasche, und überhaupt würde ich die Liste der unentbehrlichen Odenwälder Alltags-Accessoires also noch erweitern wollen, um Stirnlampe und Motorsäge. Das mit der Motorsäge erzähle ich Ihnen ein andermal.

Ich werde jedenfalls bei meinem nächsten Berlin-Besuch mal den Bundestag besichtigen. Das habe ich jetzt hiermit spontan beschlossen. Ich war da noch nie, Sie vielleicht? Ich werde das mal probieren, mit Stirnlampe, Motorsäge und Taschenmesser da reinzukommen. Als Odenwälderin. Und als Frau. Ich werde endlich mal Aufklärungsarbeit an der Sicherheitsschleuse leisten, sozialhistorisch und geopolitisch, die werden schön dumm aus der Wäsche gucken. Und es kann ja nicht schaden, wenn die da im Berliner Bundestag ein bisschen Respekt vor uns Odenwäldern bekommen.

 

 

 

 

St. Die

Ich wollte mal so ein richtiges, typisches, französisches Kleinstädtchen besuchen, schnuckelige Fachwerkhäuser, bunte Fassaden, schmale Gassen, naja Sie wissen schon. Also sind wir spontan nach St. Die gefahren. Ein Reinfall sondergleichen. Aber sowas von. Allerdings nur auf den ersten Blick.

St. Die des Vosges ist alles andere als ein typisches französisches Städtchen. Nix Fachwerk, nix bunte Fassaden. Die 17.000-Einwohner-Stadt ist komplett (komplett!) im Stil der 50er Jahre erbaut, nüchtern und sachlich, wie Architektur-Kenner es nennen würden. Unter diesem Aspekt ist St. Die natürlich durchaus spannend, aber wohnen wollte ich hier nicht, bei aller Liebe zur modernen Architektur. Wenn schon Frankreich, dann bitte richtig.

Wir gehen etwas ernüchtert in eine kleine, sehr hübsche Patisserie in diesen 50er Jahre-Arkaden, die junge Chefin hinter der Theke ist das, was man früher zauberhaft genannt hätte, und leider fällt mir gar kein anderes Wort ein, sie ist einfach zauberhaft, mit einem strahlenden Lächeln und ebenso strahlenden Augen. Während wir auf unseren Kaffee warten, nutze ich das allgegenwärtige WLAN, um mal herauszufinden, was es denn mit dieser Stadt auf sich hat, abgesehen von der prächtigen Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert, die wir natürlich auch anschauen wollen.

St. Die ist das, was die Nationalsozialisten stolz Verbrannte Erde nannten. Auf ihrem Rückzug im November 1944 wollten sie den vorrückenden Alliierten nichts hinterlassen als eben diese verbrannte Erde. Eine Wüstenei, mit der nichts mehr anzufangen wäre, keine Zukunft mehr denkbar. Niemand sollte mehr ein Dach über dem Kopf- , oder im bevorstehenden Winter ein warmes Haus haben.

So waren die Deutschen auch in St Die. Zunächst trieben sie fast 1000 Jungs und Männer zusammen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Mannheim. Dann plünderten sie Häuser und Geschäfte, raubten LKW-weise, was ihnen wertvoll erschien, schlugen alles andere kurz und klein. Sie kamen mit Flammenwerfern und Granaten, legten mehr als 2000 Gebäude in Schutt und Asche. Fünf Tage lang war die ganze Stadt ein einziges brennendes Trümmerfeld, und am Ende die größte Ruinenstadt in ganz Ostfrankreich, wie ich hier auf dieser sehr interessanten Website nachgelesen habe.

Während ich das also schnell überfliege auf dem Smartphone und mir die erste Enttäuschung über die vermeintlich hässliche Architektur dieses Ortes im Halse stecken bleibt, serviert die zauberhafte Chefin uns strahlend Kaffee und Croissants. Wir entschuldigen uns, dass wir nur so wenig französisch sprechen, sie entschuldigt sich, dass sie kein Deutsch kann, leider, leider, sagt sie.

Weil mein Geo noch rauchen möchte, bestelle ich mit perfekter französischer Aussprache, aber mit leider komplett verkehrter Vokabel einen Fahrstuhl, einen ascenseur, woraufhin die zauberhafte junge Frau lachend die Augen aufreißt und damit noch hübscher aussieht als ohnehin schon. Non, non, non, sagt sie, ascenseur: und dann macht sie eine schnelle Bewegung mit der Hand, rauf und runter, rauf und runter, Sie meinen cendrier, einen Aschenbecher. Dann lachen wir sehr herzlich miteinander, und jedes Mal, wenn sie nach uns und unseren Wünschen schaut, hier draußen unter den Arkaden, wird der ascenseur zum Running Gag.

Beim Gehen bedanke ich mich für den guten Kaffee, die feinen Croissants und natürlich auch für den Fahrstuhl, dann lachen wir wieder miteinander, sie winkt und sagt Danke für Ihren Besuch.

Und wenn Sie mich fragen: Das ist Europa.

 

 

 

P.S. Ich glaube fast, das könnte nochmal ein Beitrag für die Blogparade #SalonEuropa werden, zu der das Museum Burg Posterstein aufgerufen hat. Also bitte.