Tischgemeinschaft.

Wir haben es heute tatsächlich gewagt, am helllichten Tag und für zwei Stündchen das Haus und den Garten zu verlassen, und damit die neuen Ziegen und die angeblich ausbruchssicheren Gehege-Zäune (hier müssen Sie  sich ein Schenkelklopf-Geräusch vorstellen) ihrem jeweiligen Schicksal zu überlassen.

Falls Sie nun auf eine tierische Pointe hoffen, umgeworfene Zäune, zerstörte Rosenbeete, zerfledderter Salat all over the place und die totale Anarchie auf der Terrasse, – falls Sie das also erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen. Als wir wiederkamen: tiefer Friede, leise meckernde und mümmelnde Ziegen, Zäune ganz, alle glücklich, alles paletti. Also bitte, geht doch.

Dafür haben wir etwas ganz Wunderbares erlebt, das geradezu danach schreit, nachgemacht zu werden. Am besten da, wo Sie wohnen. Wir waren ein paar Dörfer weiter zum Mittagessen, mit 40 uns wildfremden Menschen.

Alles mit dem Händi geknipst. Naja.

Einmal im Monat treffen sich hier im evangelischen Gemeindehaus Alleinstehende und Paare, alle Altersklassen, Menschen mit viel Geld, und solche, die sich ein feudales Mahl nicht einfach leisten können. Sie essen zusammen, kommen ins Gespräch, reden, hören zu.

Neben mir saß eine holländische Dame, die zwei Drittel ihres Lebens auf einem feinen Schiff verbracht hat und quer durch alle Weltenmeere geschippert ist und dort für Gotteslohn gearbeitet hat. Bei der Essensausgabe kam ich mit einer anderen ins Gespräch, die viele Jahre in Indien gelebt hat. Solche Leute trifft man ja hierzulande nun auch nicht alle Tage, es war alles durchaus spannend. Rentner waren da, und junge Leute, es war ein Gerede und Gelache, zwei Stunden lang.

Wer nun beim Begriff Essensausgabe an Gulaschkanone oder Erbsensuppe denkt, liegt dabei völlig falsch. Das Vorbereitungsteam stellt die monatlichen Treffen unter ein Motto, und diesmal war Italien dran. Wenn die Italiener schon nicht bei der WM mitmachen dürfen, sollen sie doch wenigstens einen Mittag lang im Mittelpunkt stehen, in einem Dorf bei Mosbach im Odenwald.

Also italienisch: Gegrilltes Gemüse, gefüllte Auberginen, Risotto mit Spargel, Spagetti mit Pesto, mit Garnelen und a la Carbonara. Außerdem noch selbstgemachte Canneloni.  Alles home-made, logisch, alles ausgesprochen lecker.

 

Hinterher noch eine Süßspeise aus dem Himmel, wären die Schälchen größer gewesen, ich hätte mich direkt hineingelegt, ich kenne ja bei sowas gar nix.

Die Menschen miteinander ins Gespräch bringen beim gemeinsamen Essen, das ist das Ziel. Und es funktioniert ganz offenbar. Am Ende gibt jeder, was er geben kann und mag, es steht eine kleine Spendenbox am Ausgang, und das Geld reicht schlußendlich nicht nur, um die Einkäufe für die nächste Tischgemeinschaft zu besorgen, sondern am Jahresende auch noch für eine dicke Überweisung an ein Hilfsprojekt, irgendwo da draußen in der Welt.

Schon Tage vor dem monatlichen Essen sind die freiwilligen Helfer mit Vorbereitungen beschäftigt, sie kaufen ein und studieren Rezepte, schnippeln und putzen, kochen und braten, schleppen Getränke herbei. Wenn die letzten Gäste dann weg sind, verabschiedet in den Sonntag, dann geht es weiter mit Aufräumen und Spülen und Abtrocknen, Besteck, Geschirr und Gläser immerhin für 40 Leute.

Langer Rede kurzer Sinn: Sie sollten da mal hin. Jetzt ist Sommerpause, aber im September geht es wieder los, und Näheres können Sie bestimmt (klick!) hier erfahren. Auf jeden Fall geht nix ohne Anmeldung, von wegen Die Letzten werden die Ersten sein, so steht das ja schon in der Bibel, aber nee, nee, die Nachfrage ist riesengroß, und wer zuerst kommt, isst zuerst.

Oder noch besser: Sie machen das nach. Da, wo Sie sind. Menschen bei einem guten Essen miteinander ins Gespräch bringen, ist ja immer eine coole Sache.

 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Sie können wirklich nicht erwarten, dass ich hier auch noch die Zeit finde, in dieses Blog zu schreiben, unser trautes Heim ist und bleibt ein Irrenhaus, man kommt zu nichts, nicht mal zum Schreiben, und wir arbeiten täglich daran, dem Ruf als Irrenhaus auch weiterhin gerecht zu werden.

Jüngst ist irgendwem in diesem Hause eingefallen, dass wir uns doch mal Ziegen anschaffen könnten. Afrikanische Zwergziegen. Nicht, dass es uns am Ende noch langweilig wird.

Mein Geo tat natürlich zunächst so, als sei er strikt dagegen, aber seine Schauspielkünste sind eher so semi, und die liebevolle Erinnerung an seine italienische Grossziege Leni dafür umso lebendiger. Also knickte er vergleichsweise schnell ein, ich hatte auch damit gerechnet.

Nun sind also vorgestern Fritzi und Luise bei uns eingezogen, die Preußen unter Ihnen ahnen, woher die Namen kommen, Bildungsbürgerirrenhaus, naja, Sie wissen schon.

Luise tauschen wir um!, sprach mein Geo nach den ersten zwei Stunden, weil Luise sich die Seele aus dem Leib schrie, ununterbrochen. Fritzi hingegen ist blond und still und ein bisschen doof, das gefällt meinem Geo deutlich besser.

Wie dem auch sei. Das Praktische an so Zwergziegen ist ja, dass man sich tägliche Kontrollgänge am selbstgebastelten Gehegezaun sparen kann. Die lieben Kleinen zeigen uns etwa alle 45 Minuten eine neue Schwachstelle im Zaun, sie winken dann aus dem Gemüsebeet zu uns herüber, oder schmatzend aus den Rosenbeeten und vermitteln uns stumm, dass da irgendwo ein Loch in den Zaun gesprengt worden ist. Von Dickschädeln mit Hörnern dran. Ja, Ziegen sehen sehr süß aus, entwickeln sich aber offenbar zu wahren Bud Spencers, wenn es darum geht, die drei grünen Hälmchen jenseits des Zauns zu erwischen. Man kann das überall nachlesen, geglaubt habe ich es nicht.

Diesseits des Gehegenzauns stehen Luise und Fritzi ja auch nur rund 500 Quadratmeter Wiese und Gebüsch zur Verfügung, alles steht in fettem, saftigem Grün, und wenn ich eine Ziege wäre, täte mir das wohl doch erst mal reichen. Aber bitte. So gesehen bin ich ja keine Ziege, oder vielleicht doch, aber zumindest anders. Zugegebenermaßen lauern im Gehege hinten noch die brandgefährlichen Todes-Hühner, da traut sich eine Ziege erstmal gar nicht hin.

Die rammt also lieber die Zäune um, öffnet selbstständig das doppelt gesicherte Gehegetürchen; und wie ich gestern am Stall stehe und über weitere Hochsicherheitsmaßnahmen nachdenke, segelt Fritzi im hohen Bogen an mir vorbei über die 1 Meter 60 hohe Terrassenmauer auf den Terrassentisch. Unter jenem Tisch saß Hund Lieselotte, die über alle Maßen überrascht war über das, was da vom Himmel auf den Tisch flog, und es begann eine lustige Hatz quer über die Terrasse, bis Fritzi wieder im hohen Bogen heruntersegelte ins Gehege.

Ja, gut. Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche. Aber ich bitte Sie, soetwas gehört doch zum LandLeben dazu. Angeblich. Zum LandLeben gehören schließlich auch unsere verrückten Hühner, Sie erinnern sich vielleicht an die bekloppte Glucke. Die präsentierte uns nun ausgerechnet vorgestern, als ich leicht gestresst und  mit Zwergziege unterm Arm in das Gehege schritt, ihre drei neuen Küken. Sehr possierlich anzuschauen, aber zeitlich gänzlich unpassend.

Nun renne ich also seit zwei Tagen ständig zwischen Ziegen und Hühnern hin und her, ich repariere Zäune, richte Kükenfutter, wechsle Wassernäpfe, repariere Zäune, erneuere das Wasser in den Näpfen, richte Kükenfutter, repariere Zäune undsoweiterundsoweiter. Sie kennen ja die Geschichte mit dem Herrn Sisyphos. Der hatte vermutlich auch Zwergziegen und Küken gleichzeitig, nur ist dieses Detail auf dem jahrtausendelangen Weg der literarischen Überlieferungen offenbar verlorengegangen.

So, und nun wünsche ich auch Ihnen noch ein ruhiges und entspanntes Wochenende, Sie entschuldigen mich, ich habe nun wahrlich keine Zeit, hier auf dem Blog zu schreiben, also bitte.

 

 

 

 

 

 

 

12 von 12.

Heute ist wieder der Zwölfte eines Monats, die Zeit verrennt, man kommt kaum hinterher. Jedenfalls müssen wir heute zwölf Bilder in unser Blog stellen, das will die Dame mit den Kännchen so. Zwölf Bilder, die den Tag beschreiben, also bitte.

 

Das Guten-Morgen-Komitee.

 

Nach Wassermassen auf Wasserschäden kontrollieren.

 

Forellen füttern und erschrecken. Die sind aber eher amüsiert vom dummen Nichtschwimmerhund.

 

 

Empörte Hörer-Mails bearbeiten. Lügenpresse undsoweiter. Wir alle sind von Merkel gleichgeschaltet.

 

Mittags Pressekonferenz. Eiermann im Odenwald. Da staunen Sie.

 

Tolle Sache. Googlen Sie mal im Internet.

 

 

Stalltüren auch fertig.

 

Erste Ration Heu beim freundlichen Paar im Nachbardorf geholt.

 

Oh. Kleines Missgeschick am Abend. Alle etwas kopflos hier. Und müde.

 

 

P.S. Die Eiermann-Geschichte von heute können Sie übrigens brandaktuell (klick!) hier nachlesen. Oder Sie schauen noch mal hier im Blog nach, vor Jahren habe ich da mal was geschrieben. 

 

Operation Ziege.

Wir haben da etwas vor. Ich habe deswegen keine Zeit. Wir wollen noch nicht zu viel verraten über dieses Geheimprojekt, und wir haben ihm (dem Geheimprojekt) deswegen einen Tarnnamen gegeben. Wir nennen es Operation Zwergziege. 

Bald mehr in diesem Theater.

Man nehme zwei Tische, acht Balken und ein paar Bretter. Fertig.

 

 

 

 

 

Unterwegs.

Wenn Sie an einer Phobie leiden, oder an irgendeiner Art Spinnenunverträglichkeit, dann sollten Sie jetzt besser diese Website verlassen, zumindest nicht die folgenden Bilder betrachten. Ich sag’s ja nur, vorsichtshalber, zumal Unverträglichkeiten ja generell schwer im Kommen sind.

Spinnen und ich, das ist jetzt auch keine love-Story, und je dicker und fetter die Spinne, umso lauter kreische ich nach meinem Geo. In geschlossenen Räumen. Draussen geht’s eigentlich.

Jedenfalls habe ich gestern gleich ein ganzes Heer von dicken fetten Spinnen getroffen, sie hingen im Getreidefeld, ihre Netze schwebten rund wie Teller auf den Halmen. Oder wie gelandete federleichte Ufos, sicher ein Dutzend, verteilt im ganzen Feld.

Mir ist ohnehin relativ unklar, wie man sich selber ein Spinnennetz bauen kann,  – wie man sich aber ein horizontales Spinnennetz bastelt, ohne dabei in die Tiefe zu stürzen, das läßt mich nun komplett ratlos zurück. Falls also Spinnenexperten anwesend sind: bitte sehr, her mit den Informationen, getreu dem Motto: Kein Tag ohne Horizonterweiterung.

 

 

WMDEDGT.

Ja, es ist wieder der Fünfte des Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem die freundliche Nachbarbloggerin wissen will, was wir den ganzen Tag so machen, Tagebuchbloggen undsoweiter, naja, Sie wissen schon. Es soll Leser geben, die dieses Tagebuchgeblogge nervt, ja, da staunen Sie, die beschweren sich, dass es auf diesem Blog mit seinen zwölfundreißig Trilliarden komplett kostenlosen Beiträgen jeden Monat auch mal einen gibt, der sie nervt oder nicht interessiert, es ist ja auch wirklich zum Weinen und genau betrachtet eine Unverschämtheit. Mein Tipp in diesem Fall: lesen Sie einfach nicht weiter, scrollen Sie durch andere Beiträge, klicken Sie im schlimmsten Fall ganz weg für heute. Niemand wird gezwungen, hier zu lesen. Das Leben kann so einfach sein.

Allen anderen darf ich sagen: das ist heute mal wieder ein Arbeitstag wie aus dem Lehrbuch für Hörfunk-Korrespondenten. Die Leute denken ja immer, unsereiner säße tagein, tagaus am Rechner, recherchiert, telefoniert, hirnt, schreibt und spricht in ein Mikrofon, bastelt digitale Radiobeiträge. Saust ansonsten draußen herum, mit cooler Miene, mit den vermeintlich großen und den vermeintlich kleinen Leuten der Region, immer das Mikro im Anschlag, immer auf der Suche nach Themen und Interviewpartnern, hat seine Ohren überall und hält den Mund nie still. Pulitzer, Watergate, ach, Sie kennen das ja. Ist ja im Prinzip auch völlig richtig.

Ja. Und jetzt kommt aber das Aber der Regionalkorrespondenten, überhaupt das Dilemma aller Korrespondenten, die alleine irgendwo die Stellung halten auf der großen weiten Welt. Wenn Sie nämlich in so einem Korrespondentenbüro- also, besser gesagt, gleich in zwei Korrespondentenbüros – zuständig für alles sind, und das mutterseelenallein, dann kommt Ihnen auch mal was gänzlich Uncooles, gänzlich Unjournalistisches dazwischen. Weil Sie nämlich da draußen in der freien Wildnis, ob in Buenos Aires oder Buchen, ob in Mosbach oder Moskau, immer eine Mischung aus pulitzerpreisverdächtiger Reporterin, Hausmeisterin und Intendantin sind. Ja, so ein Tag war das heute. Und ich denke, es wird Zeit, den Radiohörern da draußen an den Empfangsgeräten mal endlich einen wahrhaftigen Einblick in das sagenumwobene Leben von Korrespondenten zu geben.

Ich sitze also in meinem Büro, seit heute früh um halb Neun, bei gefühlten 40 Grad Raumtemperatur, und ackere mich durch die Liste des Sicherheitsingenieurs, der dieser Tage hier quasi auf allen Vieren durchs Büro gekrochen ist. „Defekte Leuchtmittel austauschen“ steht da, gemeint ist das Licht im Klo, bei mir muss man im Dunkeln pullern, ja, es muss in dieser Deutlichkeit gesagt werden, denn es hat mit meiner Schlamperei zu tun. Ich bringe ja als knallhart investigative Reporterin gerne auch mal Licht in manches Dunkel, aber auf dem eigenen Klosett bleibts finster, so ist das mit den Journalisten, das ist ja wieder typisch.

„Feuerlöschkurs absolvieren!“, ruft die Liste mir zu, „Briefkasten reparieren lassen!“. Zwischendurch bewegen mich journalistische Dinge, eine Leiche in einer Brandruine, eine Preisverleihung, die Obrigheimer Castortransportbehälterlagerung und das deutsche Atomrecht. Beiträge für die Nachrichten einsprechen, Meldungen schreiben. Dann weiter: Anlasser im Dienstwagen verreckt, mit der Werkstatt telefonieren.

 

Dazu kommt Blut. Also der Blutfeiertag natürlich, Wallfahrt in Walldürn, Sie wissen schon. Der Feiertag ist zwar erst Donnerstag, aber ich recherchiere am besten schon mal ein bisschen. Bevor dann der Typ wegen des Briefkastens anruft. Und die Frau mit den Feuerlöscher-Kursen. Die korrespondentische Herausforderung solcher Tage besteht darin, den Überblick zu bewahren und mitten in blutfeiertäglichen Gedanken auf „defekte Leuchtmittel“ oder „kaputte Briefkästen“ umschalten zu können. Zwischen Atomrecht und Leichen die telefonische Anfrage zu beantworten, wieviele Elektrogeräte in den beiden Büros herumstehen und welche Firma vor 18 Jahren (!) den einen der beiden Briefkästen installiert hat.

Ja, Sie müssen sich das so vorstellen wie den Jongleur, der 25 Bälle gleichzeitig in der Luft hat, die eine ganze Zeit lang wunderbar gleichmäßig und geschmeidig um ihn herumfliegen. Aber dann. Bevor alle Bälle mit einem furchterregenden Geräusch gleichzeitig auf mich herniederprasseln, und sich dann plötzlich anfühlen wie kleine Betonbälle, gehe ich einen Kaffee trinken, ich habe inzwischen sogar hier in Buchen eine Art Stamm-Cafe, wo man  im Sommer (Achtung!) nett draußen sitzen kann und der Cappuccino gut ist.

 

Am Nachmittag das Gleiche. Ich singe und springe telefonisch als Mischung aus Hausmeister und Reporterin durch Telefon und Internet zwischen Manheim, Mainz, Baden-Baden und Stuttgart herum, ich sichte nebenbei die analoge Post und behalte die drei elektronischen Mail-Fächer im Auge, Lesen, Löschen oder Antworten? Eine Hörerin ruft an, weil sie sich Sorgen um den Lieblingsmoderator in Stuttgart macht, der war so lange nicht zu hören. Eine andere will einen Mitschnitt einer Sendung von Ende 2017. Die Kollegen im Manheimer Funkhaus nehmen vielleicht an, ich schlafe selig vor dem Rechner, weil nicht mehr viel von mir zu hören ist, so journalistisch.

Für die ausgetauschten, weil „defekten Leuchtmittel“ auf dem Abort werde ich wohl eher keinen Pulitzerpreis gewinnen, das habe ich mir abgeschminkt. Abgeschmunken. Und ob ich für mein Bemühen um einen Feuerlöscherkurs mit dem Christophoruspreis der Deutschen Versicherungswirtschaft ausgezeichnet werde, bleibt noch abzuwarten.

Dafür ist um 17 Uhr das Auto wieder flott, sagt der freundliche Mechaniker am Telefon. Der Anlasser topfit. Auf die Odenwälder KfZ-Werkstätten ist eben noch Verlass. Ich bin dafür umso müder. Später noch in einen Biergarten, dann Heia. Aber sowas von.

 

P.S. Hatte ich erwähnt, dass ich diesen Job liebe? 

 

 

 

 

Der Bäcker.

Fast auf den Tag genau 118 Jahre ist es her, da hat Edgars Großvater hier an dieser Stelle seine kleine Backstube eröffnet. Im Mai des Jahres 1900. Edgar hat dazu sogar irgendein Dokument, irgendein Schriftstück, irgendwo, er weiß nicht, wo. Aber er weiß, dass es im Mai 1900 war, damals, als das Dorf noch kleiner war als es heute ist, als das Leben auf dem Land noch mühsam und hart war. In der vermeintlich guten, alten Zeit, die eben so gut gar nicht immer war hier im Odenwald. Um es vorsichtig zu formulieren.

Von der Bäckerei konnte der Großvater nicht leben, sagt Edgar Roos, den Lebensunterhalt hat er mit der Landwirtschaft verdient. Irgendwann war der Großvater dann zu alt, sein Sohn übernahm die Bäckerei, Edgars Vater. Und ein paar Jahrzehnte später wieder das Gleiche: Der Sohn machte weiter, als der Vater langsam alt wurde. Irgendeines der vielen Kinder musste das Geschäft ja übernehmen, und jetzt war Edgar dran. Vielleicht wurde er auch gar nicht groß gefragt, vielleicht bestimmte der Vater es einfach. 1963 war das, Edgar ging mit 15 in die Lehre, arbeitete ein paar Jahre in einem Dorf in der Nachbarschaft und kehrte irgendwann zurück. Seitdem ist Edgar Roos der Bäcker von Balsbach.

 

Seit 55 Jahren also steht Roos morgens in der Backstube. Wobei: Was heißt morgens? Eher mitten in der Nacht, wenn es draußen noch dunkel ist, wenn es vielleicht gerade mal dämmert, selbst im Hochsommer. Wenn alle anderen im Dorf noch tief schlafen und allenfalls vom Frühstück träumen. Wenn noch nicht einmal die ersten Vögel singen.

Dann steht Edgar Roos in der gekachelten Backstube und knetet und rührt, schlingt und formt, schießt Brote und Brötchen ein, öffnet Klappen, dreht an Schaltern, guckt, prüft, rollt Wagen voller Bleche hin und her, wuchtet Schieber in den Ofen, schwitzt. Heiß ist es in der Bäckerei, und winters wie sommers ist Edgar hier nur kurzärmelig unterwegs. Seine Frau unterstützt ihn, sie ist mit ihm in der Backstube, hilft, richtet den kleinen Laden, bevor ab halb Sieben die ersten Kunden kommen.

Seine Schwägerin hilft auch, wir sind eben so eine Art Familienunternehmen, sagt Roos, die Brote und Brötchen müssen nicht nur in die Verkaufskörbe im Lädchen, sondern auch in die Tüten, die später ausgefahren werden, im Dorf und im Dorf nebenan. Im Nachbardorf beliefern wir fast jedes Haus, sagt Roos, es ist eine mühsame Tour mit dem Auto, jeden Morgen, von Tür zu Tür, jedem das, was er bestellt hat.

 

Und dann ist da ja noch das winzige Lädchen, vorne dran. Eine Mischung aus Bäckerei und guter alter Tante Emma, wie die Backstube selber ein Teil des Wohnhauses. Hier können die Leute kaufen, was sie unterwegs beim Großeinkauf vergessen haben, Milch und Joghurt, Butter und Sahne, Brühwürfel und Fliegenklatschen, Schulhefte und Streichhölzer, Haarshampoo und Schokoriegel, Saure Gurken und Karottensalat im Glas. Es ist eines dieser Lädchen, die wie aus der Zeit gefallen wirken und gleichzeitig ein Segen sind. Weil der nächste Supermarkt mehrere Kilometer entfernt ist, und weil man hier auch immer jemanden zum Schwätzen trifft.

Viele treffen sich vielleicht überhaupt nur hier, sonst nirgends, man sieht sich morgens beim Brötchenholen, schon auf der Straße ein großes Hallo! oder vormittags beim Milchkaufen, man sieht sich und schwätzt, Was macht denn der Edelgard ihre Hüfte? Gehts dem Erwin besser? Hast Du ein neues Auto?, Ist das Enkelkind schon geboren?, und dann geht wieder jeder seiner Wege, raus aus dem Dorf, zum Job, und abends heim.

Es kommen vielleicht immer die selben zur selben Zeit, der Alltag ist durchgetaktet, und nach einigen Brötchenkäufern könnte ich morgens meine Uhr stellen, so pünktlich fahren sie mit dem Auto vor. Ich stelle mir vor, sie treffen sich hier jeden Morgen und können so die Fäden ihrer Beziehungen immer weiterknüpfen, jeden Tag, vielleicht ganz unverbindlich, aber immerhin. Man sieht sich, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Noch bevor der Sommer zu ende geht, wird Schluss sein. Mit der Bäckerei und dem Lädchen. Nach 55 Arbeitsjahren und einer fast 120jährigen Tradition. Roos wird bald 70, da darf ich wohl in den Ruhestand, sagt er. Aus der Familie will niemand die Tradition fortsetzen.

Wird ihm nichts fehlen? Das Backen und Kneten, die morgendliche Arbeit alleine in der warmen Backstube? Nein, sagt er, und die Antwort kommt so schnell und entschieden, dass man ihm glauben muss. Wir haben auf so Vieles verzichten müssen, immer das frühe Aufstehen, jetzt ist mal was anderes dran, sagt seine Frau. Die drei Enkelkinder, vielleicht Ausflüge oder mal Reisen, vielleicht einfach mal öfter ausschlafen.

Die Backstube, das Lädchen, alles soll dann ausgeräumt werden.  Ausgeräumt und aufgelöst. Vielleicht wird der Platz neu genutzt, vielleicht fallen die Arbeitsräume mit ihrer langen Tradition dann einfach in einen Dornröschenschlaf, ich habe nicht danach gefragt. Weiterverpachten geht nicht, zu eng sind Lebens- und Arbeitsräume miteinander verbunden, architektonisch und überhaupt, Leben und Arbeit, das war über 55 Jahre vermutlich ein und dasselbe. Edgar und seine Frau wohnen oben im Haus, und unter ihnen, im Erdgeschoss, bleibt das Licht dann eben ersteinmal aus und die Tür zu.

Nein, ihm wird nichts fehlen, sagt Edgar nochmal.

Mir schon.

 

 

 

 

Unterwegs.

Falls Sie es heute wieder nicht geschafft haben, mal den schönen Odenwald zu erkunden – obwohl Sie das selbstverständlich schon ganz ganz lange vorhaben -, dann habe ich ersatzweise ein paar Bilder für Sie geknipst. Ich für meinen Teil habe nämlich die Nachbarschaft erkundet, obwohl ich die ja eigentlich schon ziemlich gut kenne. Gibt aber immer wieder Neues, Schönes zu entdecken. Naja, Sie werden das auch noch merken.

(Unter uns gesagt, war ich natürlich nur unterwegs, um gefährliche Gewitterwolkentürme und aufziehende Tornados zu fotografieren, die bisher aber leider ausgeblieben sind. Oder gottlob. Was weiß denn ich. Ein bisschen Wasser vom Himmel könnten wir aber schon gut gebrauchen, müsste ja nicht gleich das grauenhafte Modell Wuppertal sein.)

Regen. Wir hätten bitte gerne Regen. So ein ganz bisschen nur.

Bei Mudau-Reisenbach.

Balsbacher Wald.

Richtung Scheidental/Reisenbach, Sie wissen schon.

 

 

 

 

 

 

Fronleichnam.

Fronleichnam gehört ja nun zu diesen Festen, die uns Evangelische etwas ratlos dastehen lassen, das ist seit jeher so, Sie können das hier nochmal sehr schön nachlesen. Auch, dass Fronleichnam und Karfreitag einst die Kampftage der Konfessionen waren, mit katholischem Wäschewaschen am Karfreitag und evangelischem Hardcore-Teppichklopfen an Fronleichnam, aber diese Zeiten sind selbstverständlich längst vorbei, auch hier im tiefkatholischen Odenwald.

Sie kommen hier jedenfalls an Fronleichnam nicht vorbei, vielerorts wurden heute schon die Straßen geschmückt, die Blüten für die Blumenteppiche gesammelt und sortiert, die Birkenäste entlang der Prozessionswege aufgestellt. Diese zwei freundlichen Herren hier haben das sehr gewissenhaft vor meinem Bürofenster erledigt, so sehen Sie nun auch mal, wie vergleichsweise idyllisch mein Büro hier am Rande der Altstadt liegt.

Das eigentliche Zentrum des Fronleichnamsfestes ist dabei natürlich die benachbarte Wallfahrtsstadt Walldürn, wenn Sie morgen früh um Vier noch nichts anderes vorhaben, gehen Sie da ruhig mal hin, da steigen in der Morgendämmerung Blasmusiker auf die Türme der riesigen Basilika und wecken mit frommen Liedern die Walldürner und die vielen Pilger. Ich gestehe, ich habe diesen Brauch bis dato nicht gekannt und ich bin ernsthaft am Überlegen, ob ich nicht morgen früh um Vier,  – naja, mal schauen.

Jedenfalls hatte ich dann heute noch eine Autopanne aus der Kategorie Die moderne Technik löst uns Probleme, die wir ohne sie nie hatten, die elektronische Wegfahrsperre gab ihren Geist dergestalt auf, dass sie sich weigerte, die Sperre zu ent-sperren, so stand ich zunächst ein bisschen dämlich im 40-Grad warmen Auto auf dem Dienstparkplatz herum und wartete auf meinen Retter Geo, um dann als Beifahrerin nach Hause gefahren zu werden. Das wiederum hatte den Vorteil, dass ich mit dem Mobilfunktelefon aus dem Auto heraus das wunderbare Wolkenspiel über dem Odenwald knipsen konnte, das mich dann auch irgendwie versöhnlich – und auf Fronleichnam ein-stimmte. Obwohl ich doch so schrecklich evangelisch bin.

Im Übrigen sehe ich da einen vorwitzigen Pudel. Sie auch?

 

 

 

 

Das Baguette-Mysterium.

Ich habe mich ja nicht immer leicht getan mit dem Leben auf dem Lande, so als Zugereiste. Vieles war mir zunächst rätselhaft bis völlig unerklärlich, manches kam mir merkwürdig vor, einiges unvereinbar mit meinem bis dato gelebten Leben. Naja, Sie wissen schon, Großstädter in der vermeintlichen Provinz und so.

Aller Anfang ist schwer, aber nun sind ja ein paar Jährchen ins Land gezogen, ich habe etliches begriffen, mich an manches gewöhnt und vieles lieben gelernt. Nur das eine oder andere Rätsel blieb und bereitet mir und meinem Geo bis heute schlaflose Nächte. Wir wälzen uns dann, halb wach, halb träumend, hin und her auf der Matratze und fragen uns bis in die Morgendämmerung: Warum? Ist? Das? Hier? So? In der Frühe sind wir dann gerädert und übellaunig, aber der Antwort immer noch nicht näher gekommen. Ja, so in etwa müssen Sie sich das vorstellen.

Foto: Peter Smola/Pixelio.de

Eines dieser Themen, das uns über Jahre hinweg den nächtlichen Schönheits- und Erholungsschlaf raubte, war das Odenwälder Baguette-Mysterium. Es verfolgte uns wöchentlich, ach, was sage ich, wir waren nahezu täglich damit konfrontiert, denn wir sind beide leidenschaftliche Baguette-Esser. Wir haben inzwischen gefühlte 4,3 Millionen verschiedene Baguettes bei ebenso vielen Bäckern in der Region durchprobiert, allein, nur wenige davon hatten zumindest in Ansätzen mit dem zu tun, was wir als Baguette bezeichnen würden.

Ein Baguette – wenn Sie mich fragen – muss zwei Anforderungen erfüllen. Rösch muss es sein, und zwar so, dass beim Auseinanderbrechen (ja, wir brechen das Brot) etwa eintausendzweihundertfünfunddreißig knusprige, helle und dunkle kleine Splitter durch die Gegend fliegen, wie in einer Art Baguetteexplosion. Leider sieht es bei uns beim Abendbrot dann dementsprechend aus, und anhand der Krümelverteilung im gesamten Esszimmer kann ich in der Regel hinterher noch genau rekonstruieren, wer wo gesessen und gegessen hat.

Und immernoch besser, sie fliegen durch die Luft, die Splitter, als dass sie in den hungrigen Mäulern Schaden anrichten mit ihren scharfen Kanten, aufgeratschtes Zahnfleisch, Loch im Gaumen, allerlei Verletzungen, alles schon erlebt. Aber ich meine, das gehört doch dazu. Schon die Berliner Schrippen waren so, früher jedenfalls, immerzu hatte ich irgendeine entzündete Stelle im Mund, vielleicht auch deswegen meine nostalgische Liebe zu scharfkantigen Backwaren.

Zweitens muss ein anständiges Baguette innen so richtig fluffig sein, mit großen Löchern, locker, aber doch auch irgendwie ein bisschen saftig, als sei Oliven- oder Walnußöl verwendet worden. Naja, Sie wissen schon. Schließlich ist das Baguette ja nicht zuletzt dazu da, um es in Reste von Sahne- oder Salatsoßen zu ditschen, oder in den schweren Rotweinsud, den mein Geo zu seinem berühmten Arrosto alla Dina macht.

Aber genau hier fangen die Probleme an. Wo auch immer wir Stangenweißbrot kaufen, meistens ist es uns zu blass, zu glatt, zu trocken. Nach dem Einfrieren und Auftauen beginnt es sein neues Leben als eine Mischung aus Zwieback und Pappmachee-Skulptur, aber vielleicht liegt das am unsachgemäßen Einfrieren, wir sind da etwas nachlässig. Kennen aber großstädtische Baguettes, die uns diese Fehler großzügig verzeihen und auch nach Monaten in der Tiefkühltruhe zu alter, junger, knusprig-fluffiger Schönheit auflaufen wie weiland das eingefrorene Dornröschen, als dieser küssende Prinz daherkam, Sie erinnern sich bestimmt.

Foto: Gila Hanssen/pixelio.de

Nun habe ich dieser Tage mal all meinen Berliner Mut zusammengenommen und einen Odenwälder Bäcker auf das Baguette-Mysterium angesprochen. Nicht irgendeinen natürlich, wo denken Sie hin, ich habe mir den Chef der Deutschen Bäcker-Nationalmannschaft zur Seite genommen, ja, Sie haben richtig gelesen, sowas gibts, und der Chef persönlich lebt und backt also im Odenwald. Meine Frage, ob Odenwälder Bäcker nicht in der Lage seien, anständiges krosses, fluffig-flauschiges Stangenbrot französische Art zu backen, sorgte für gewisse Empörung, um es vorsichtig zu formulieren. Natürlich können die das. Also, sie könnten es. Nur will hier niemand so ein Brot. Ja, das waren seine Worte.

Viele Kunden – das wissen die Brancheninsider – schnitten das Stangenweißbrot am liebsten auf der Brotschneidemaschine in handtellergroße, dünne Scheiben, um es dann wie eine Stulle zu belegen und auch so zu essen. Ich habe das auch selber schon bei Gästen erlebt, sie bekommen bei uns dicke knusprige Baguette-Brocken von den Ausmaßen einer Männerfaust und damit eigentlich größentechnisch nicht kompatibel mit dem menschlichen Mund. Sie legen unbeirrt noch eine Scheibe Käse on top und beharren stumm darauf, dieses ganze Konstrukt wie eine Scheibe Graubrot zu essen, ich bewundere das Dehnungsvermögen ihres Kauapparates und nehme mir vor, die Baguette-Brocken beim nächsten Essen noch dicker zu servieren, so als Wink mit dem Baguette-Zaunpfahl.

Sind die Löcher zu groß, hahaha, da ist der Bäcker durchgekrochen, da tropft die Marmelade durch, dann bringt der enttäuschte Kunde das missratene Brot schon mal zurück in das Geschäft und verlangt Ersatz oder sein Geld zurück. Um derlei unerquickliche Stangenweißbrotreklamationen zu vermeiden, backen umsichtige Bäcker also lieber so eine Art normales Weißbrot, ein ganz bisschen knusprig nur und eben in Stangenform. Und am Ende sind alle glücklich. So jedenfalls habe ich das verstanden.

Voila! Baguettemysterium gelöst. So erklärt sich nebenbei auch, warum es in Odenwälder Haushalten immer so sauber ist, nirgendwo ein Krümelchen, nirgendwo knusprige Splitter. Warum Odenwälder vermutlich auch  seltener an Verletzungen des inneren Mundraumes leiden. Und warum ihr Marmelade- und Honigverbrauch deutlich sparsamer ist als unserer.

Vielleicht ist es also gar keine Frage der Baguette-Back- und Ess-Kultur, Stadt gegen Land, sondern vielmehr eine Art Interessensabwägung. Ich werde darüber nachdenken müssen.

Hach, es ist und bleibt kompliziert, das Leben auf dem Lande.