Die Siedlung.

Es gibt so Fälle, da treffen zwei auf ihre Weise geniale Menschen aufeinander, die sehen ein Problem, sie setzen sich hin, reden, denken quer, planen, verwerfen, planen neu. Und dann legen sie los. Allen Widrigkeiten, allen Unkenrufen, allen behördlichen Einwänden zum Trotz. Schwierigkeiten? Sind dazu da, gelöst zu werden. Ihr Motto: Einfach machen.

In unserem Fall sind es ein Pfarrer und ein Architekt, die sich da treffen und dann einfach machen, und sie tun das ausgerechnet im winzigen Ort Hettingen im Odenwald. Der Ortsname wird Ihnen jetzt unter Umständen nicht so viel sagen, keine Sorge, Sie sind nicht alleine. Wenn Sie allerdings Architektur-Fan sind, dann sagt der Ortsname Ihnen vielleicht doch was, und wenn Sie sogar noch Fan des weltberühmten Architekten Egon Eiermann sind, dann sollten Sie da bald mal hin.

Es ist 1946, und im klitzekleinen Hettingen ist nichts mehr, wie es war. Das Dorf ist verschont geblieben von schlimmsten Bombardierungen, aber jetzt, direkt nach Kriegsende, müssen die 1300 Einwohner mit Hunderten von Flüchtlingen zurechtkommen. Und die müssen erstmal irgendwo untergebracht werden. All die kleinen Bauernhäuser sind schon randvoll bis unters Dach mit freiwillig oder zwangsweise aufgenommenen Menschen, die Stimmung ist nicht grade bestens, neuer Wohnraum muss her. Aber wie?

Zu dieser Zeit ist Heinrich Magnani der katholische Pfarrer in Hettingen. Ganz freiwillig ist er seinerzeit nicht hier hergekommen, sein Widerstand gegen die Nazis, sein manchmal polternder Protest, seine oft kleinen Spitzen gegen die NSDAP beginnen, lebensgefährlich für ihn zu werden. So wird er versetzt ans vermeintliche Ende der Welt, zumindest ans Ende des Bistums, nach Hettingen.

Runter von der Kanzel, rein in die Not, das ist Magnanis Lebensmotto. Und die Not, das ist momentan die Wohnungsnot in Hettingen. Magnani spricht den Architekten Egon Eiermann an, der später weltberühmt werden soll. (Wenn Sie mal in Berlin waren, Gedächtniskirche und so, naja, Sie wissen schon. Oder der lange Eugen in Bonn, oder wie der heißt. Oder die Olivettitürme in Frankfurt)

Eiermann ist nach Kriegsende im benachbarten Buchen untergekommen, das Berliner Büro ist ausgebombt, zu Fuß hat er sich in die Heimatstadt des Vaters durchgeschlagen, um hier weiterarbeiten zu können, so jedenfalls will es die Legende.

In den Wirren der Nachkriegszeit, parallel zu all dem, was nebenher erledigt werden muss in dem kleinen Dorf mit den vielen Flüchtlingen, den Kriegsversehrten und Kriegswaisen, den Kindern, den Arbeitslosen, – parallel dazu also planen der unkonventionelle Pfarrer und der Architekt den Bau einer Siedlung. Kleine Häuschen sollen da entstehen, mit Kaninchenstall und Gemüsebeet im Garten. Häuser für Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen, für alle, die dringend Wohnraum brauchen. Schnell muss es gehen, die Not ist groß. Und gut muss es werden, nicht wacklig und husch-husch zusammengezimmert, sondern modern.


Ich halte es für falsch, Fehlinvestitionen in der Art zu machen, dass jetzt notdürftige Bauten, die später ersetzt werden müssen, erstellt werden. Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll (…)“ 

Egon Eiermann

Baustoffe sind knapp, das Geld auch. Magnani gründet eine Baugenossenschaft, die erste kirchliche ihrer Art in ganz Deutschland. Wer ein Häuschen haben will, muss Muskelkraft und Zeit investieren, das Material organisieren Eiermann und Magnani. Mitunter auf abenteuerliche Weise und nur selten zur Freude der beteiligten Behörden, denen Magnani zwischenzeitlich gewaltig auf den Zeiger gegangen sein dürfte mit seinen ständigen Forderungen. Auch, was die Finanzen angeht, Magnani ist halt Theologe, kein Betriebswirtschaftler. Um es mal vorsichtig zu formulieren.

Eiermann entwirft für das Projekt mit allerschlichtesten Materialien und vielen genialen Ideen eine Wohnhausarchitektur, die funktionale, ästhetische und innovative Ansprüche gleichermaßen modellhaft umsetzt, heißt es in einem Flyer. Als Türklinke ein Holzstab, Wände, in denen Schränke und Regale untergebracht sind, begehbare Ankleide statt sperriger Kleiderschränke. Genial einfach, einfach genial.

Magnani schafft es mit Charisma und Überzeugunskraft, dass Bürger und Neubürger an einem Strang ziehen, auf den Baustellen ihrer Häuser sind ohnehin alle gleich. Wer nicht baut, hilft auf andere Weise dem Pfarrer, dem Siedlungsprojekt. Endlich mal neue Glocken für die katholische Kirche, nachdem die alten doch für diesen grässlichen Krieg eingeschmolzen wurden? Kommt gar nicht in Frage, sagt Magnani, neue Glocken gibts erst, wenn in Hettingen jede Familie einen eigenen Herd hat. Die Hettinger Katholiken widersprechen nicht und schuften und helfen weiter.

Die Siedlungshäuser stehen bis heute und sind bis heute bewohnt, keine provisorisch-wackligen Hundehütten, siehe oben. Die meisten von ihnen inzwischen verschönert mit allerlei Carports und Zäunen und Wintergärten und schicken neuen Türen. Eines aber der Häuser war über all die vergangenen Jahrzehnte fast unverändert, daraus ist nun ein Museum entstanden. Gehn Sie da mal hin. Solidarität. Wohnungsnot. Zweckmäßige Architektur. Einfach machen. Und so. Naja, Sie wissen schon.

Ich verlinke Ihnen hier mal ein paar Hintergrundseiten, falls es Sie interessiert. Der Pfarrer Magnani muss ein ziemlich super Typ gewesen sein, und der Egon Eiermann ist auch sehr spannend. Ich mache das mal mit so feschen Buttons, das neue Gutenberg-Programm von wordpress machts möglich. Einfach die Buttons anklicken, husch, gehts zur entsprechenden Seite. Angeblich, so behaupten die das jedenfalls. Na, ich bin ja mal gespannt, ob das klappt.

1. FC Huhn.

Ich habe festgestellt, dass Schnee und eisiger Wind nahezu die idealen Bedingungen für ein paar Hühnchenfotos sind. Wieder was gelernt. Wenn Sie zum Fanclub Huhn gehören, wird Sie das erfreuen.

Ich dachte ja schon seit Jahren darüber nach, mir mal so einen tragbaren Studio-Hintergrund zu kaufen, in Weiss oder Tiefschwarz, und die Hühnchen da einfach davorzusetzen. Ich ahnte aber schon, dass die so ein Shooting nicht ohne Weiteres mitmachen würden. Naja, nun habe ich ja eine Lösung für Hühnchenportraits gefunden. Zumindest im Winter.

12 von 12.

Jetzt ist schon wieder fast Mitte Januar, genau gesagt der 12. Januar, und das bedeutet, dass unsereiner zwölf Bilder von diesem Tag verbloggen soll. So will es die Kollegin mit den Kännchen. Also bitte. Das wird heute ein bisschen schneelastig, Badisch-Sibirien, naja, Sie wissen schon.

Hunderunde.
Alle Fots: Händi.
Forellen füttern.

Und wieder zurück Richtung Parkplatz.
Am Vormittag in den Raiffeisen. Liebstes Kaufhaus.
Briketts brauchen wir nicht. Nur Hundefutter, Ziegenfutter, Vogelfutter, Stroh. Letzteres im Moment doppelt so teuer wie vor einem Jahr.
Dann noch schönes Cafe suchen. (Odenwälder Schenkelklopfgeräusch.) Das eine hat Winterpause, das andere schließt in einer Stunde (!) und kann deswegen leider keinen Kaffee mehr ausschenken. Hat auch schon die Stühle auf den Tischen.
Dann eben Kaffee daheim.
Mit vom Gatten gebackenem Apfelkuchen. Ätsch.
Dann aber doch noch mal raus.
Weils so herrlich ist.
Und jetzt: aufm Sofa abhängen. Falls wir da noch ein freies Plätzchen ergattern.
Und für den Rest des Tages: warm und trocken.

Der Spieler.

Manchmal ist Stefan Schulz genervt. Wenn mal nur zehn oder zwölf Leute im Publikum sitzen, große und kleine, und die grossen dauernd mit dem smartphone herumdaddeln, anstatt mal Richtung Bühne zu schauen. Aber die kleinen Besucher sind meistens ganz gebannt von dem, was sie da sehen, und dann ist Schulz wieder zufrieden. Und glücklich, weil in seinem Element.

Wer mit Stefan Schulz spricht, bekommt den Eindruck, der Mann lebt für seine Marionetten. Und sie durch ihn, das ist ja klar. Er zieht die Strippen, er lässt die Puppen tanzen. Sie freuen sich durch ihn, sie springen juchzend in die Luft oder sacken weinend zusammen, sie verbeugen sich, sie rennen, sie sitzen, sie denken nach, sie reisen um die Welt, sie träumen von Fabelwesen und Zauberern, sie lenken Lokomotiven und Jumbos, sie schlagen und sie küssen sich. Und alles nur durch ihn.

Erst als Erwachsener ist Schulz auf das Marionettentheater gekommen, dann aber gleich richtig. Ich muss nicht auf die Bühne, man sieht mich nicht, und trotzdem kann ich in ganz viele Rollen schlüpfen und den Menschen eine Geschichte erzählen, sagt er in einer merkwürdigen Mischung aus Atemlosigkeit und tiefer Ruhe, die viel über seine Begeisterung verrät. Ja, die Geschichten da auf der Bühne sind Kinder-Geschichten, aber man lernt immer irgendwas Neues und immer irgendwas vom Leben. Wie das halt so ist, beim Theater. Wenn man sich nur drauf einlässt.

Vor einiger Zeit musste Schulz aus seinem ersten kleinen Theater raus und stand vor der Wahl: Entweder das Marionettenspiel aufgeben, oder nach neuen Räumen suchen. Natürlich hätte ich aufgeben können. Dann wären die Puppen, die wir alle selber gebaut und eingekleidet haben, all die Figuren und die vielen Requisiten auf den Müll geflogen. Da hätten Sie mich dann gleich dazuschmeißen können. Auf den Müll.

Alle seine Puppen kennt er mit Namen, er kennt die Charaktere der Figuren, ihre Stärken und Schwächen, ihre Gedanken, Hoffnungen und Wünsche. In großen Glasschränken hängen sie aufgereiht und warten auf den nächsten Auftritt. Der Florian ist und bleibt der Florian, der kann nicht morgen ein Andreas werden oder ein Postbote oder Polizist. Die Räuber bleiben Räuber, der Sultan bleibt Sultan, und das junge Mädchen im Rollstuhl bleibt im Rollstuhl. Die Unsympathischen bleiben unsympathisch, die Netten nett.

Fast ist es, als bildeten sie eine große Familie, er und die Puppen, an seinen Strippen und in den Schränken. Wie er mir die Schränke zeigt, aus denen all die Gesichter herausschauen, warte ich eigentlich nur darauf, dass im nächsten Augenblick eine von ihnen zu uns spricht, Hallo, Stefan! ruft oder mit der Pappmaschee-Hand winkt.

Die Tradition des Marionettenspiels ist uralt und weltumspannend. Schon in der Antike haben Menschen mit Hilfe von Gliederpuppen Geschichten erzählt, haben die Strippenzieher durch die Puppen zum Publikum gesprochen. Schulz möchte nicht, dass die Tradition verloren geht, er möchte sie mit modernen Mitteln weiterführen, weitervermitteln.

Er möchte auch Erwachsene dazu bringen, mal eine Stunde lang still zu sitzen und sich auf die Geschichte zu konzentrieren, auf die vermeintliche Kindergeschichte, die am Ende vielleicht gar keine reine Kindergeschichte ist. Sich Zeit nehmen für etwas, was im ersten Moment wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Eine Stunde lang mal ohne Blick auf die neuesten news und Chats auf dem blöden smartphone, ja, ist denn das zuviel verlangt? Mit den blöden Smartphones steht Schulz auf Kriegsfuß. Da stehen tatsächlich Eltern während der Vorführung auf und gehen mit dem Handy raus. Der Zeitgeist. Es gibt Dinge auf der Welt, die versteht Stefan Schulz nicht. Die will er auch gar nicht verstehen.

Vielleicht, ich weiß es nicht, aber vielleicht reicht es ihm manchmal sogar, mit seinen Puppen zu spielen, sie zum Leben zu erwecken, mit ihnen eine Geschichte zu erzählen, die von Glück und Trauer handelt, von Wagemut und Angst, von Liebe und Hass und davon, dass am Ende alles immer irgendwie gut ausgeht.

Und wenn dann noch kleine Kinder im Publikum sitzen, die mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen den Puppen zuschauen, wie sie da über die Bühne laufen und schweben und tanzen, in ihrer etwas ungelenken Art, dann ist der Marionettenspieler wieder ganz in seinem Element.

Im Moment gibt es im Marionettentheater jeden Monat ein anderes Stück zu sehen. Fragen Sie mich nicht, wieder der Mann das macht, der hat ja nebenbei noch einen Beruf. Aber bitte. Nähere Infos bekommen Sie auf seiner Website. Und man kann das Theater auch mal für Gruppen mieten, eine kleine Bar gibts auch. Und für Kindergeburtstage. Und überhaupt. Naja, Sie wissen schon.

In the Wilderness.

Wir haben da diesen Bekannten. Ein Innenarchitekt, der ursprünglich aus Chicago kommt, und den ein eigenwilliges Schicksal und die Liebe nun ausgerechnet nach Buchen im Odenwald verschlagen hatten. Sowas kommt vor, man steckt da ja nicht drin, naja, Sie wissen schon.

Jener Bekannter hinterließ nach Besichtigung des Ateliers in des künstlerischen Gattens Gästebuch einst einen Spruch, der hier im Haus inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist.

Daran musste ich denken, nachdem wir vor einiger Zeit in the wilderness einen Künstlerkollegen entdeckt haben, von dem wir zuvor nichts wussten. Ja, die Wildnis ist mitunter doch sehr groß, hier im Odenwald.

Enno Folkerts, der Name lässt ahnen, dass auch der nicht gebürtig aus dem Badischen ist, schon zweimal nicht aus dem Odenwald. Folkerts kommt von da oben irgendwo, Richtung Küste, Richtung Meer, und auch ihn hat irgendein merkwürdiges Schicksal in den Odenwald verschlagen. Genauer gesagt nach Hirschhorn, und noch genauer gesagt, nach Hirschhorn-Langenthal. Ich möchte den Hirschhorn-Langenthalern nun nicht zu nahe treten, habe aber doch das Gefühl, dass der Ort, – so rein, was die Kunstszene angeht -, nicht direkt mit Schauplätzen wie Chicago, Berlin oder Paris zu vergleichen ist. Zumindest nicht so ganz.

Da hat Folkerts jetzt sein Atelier in den Räumen einer ehemaligen Fabrik, ein ganz wunderbares Atelier ist das, aus allen Ecken lachen einen die Kunstwerke an, großformatig und realistisch, oder wild und abstrakt, Fummelsarbeiten auf Leinwand, oder mit großer Geste hingeworfene Farbverläufe.

Ich bin zwar mit einem Künstler verheiratet, und das auch schon eine ganze Weile, aber ich habe leider keine Ahnung, wie man über Kunst schreibt, ich bin ja bloß Regionalreporterin und keine Kulturredakteurin. Aber soviel weiß ich: selten einen Künstler erlebt, der so vielfältig und unterschiedlich arbeitet, zwischen den Extremen. Naja, Sie wissen schon.

Das Atelier empfängt die Besucher mit offenen Armen und einem warmen Händedruck, und Enno Folkerts macht es ebenso. Überhaupt würde Folkerts nicht wieder zurück in irgendeine Großstadt gehen wollen, beste Entscheidung ever, sagt er, wenn es um den Umzug seinerzeit in die vermeintliche Provinz geht.

Sie sollten ihn mal besuchen und sich selber überzeugen. Oder Sie schauen sich mal auf seiner Website um. Da findet man auch die Termine, wenn es mal wieder ein Konzert im Atelier gibt.

To cut a long story short: It’s great to find art in the wilderness.

(Hach, ich bin heute irgendwie sehr international drauf.)

Bauerntheater.

Es mag den Einen oder die Andere erschüttern, aber ich bin ein bekennender Fan von Bauerntheater-Aufführungen. Ich liebe flache Witze und Klamauk, und keine Klamotte kann mir klamottig genug, keine Handlung absehbar genug sein, ja, genau so ist es. Und wenn man dann noch den Gutteil der Laienschauspieler persönlich kennt, vergesse ich alle mühsam anerzogene preußische Zurückhaltung und Disziplin.

Ich hätte dieser Tage auch getrost auf jegliches teures Augen-Make-up verzichten sollen, eigentlich auf alles Make-Up, denn am Ende der lachtränenreichen Vorstellung war sowieso der ganze sündhaft teure Kram im Gesicht valoffe, wie man hier zu sagen pflegt. Ich sah vermutlich mit schwarzverschmierten Augen aus wie ein fröhlicher Pandabär, der eben eine Fahrt im Schleudergang der Waschmaschine absolviert hat, so fühlte ich mich auch.

Die Handlung des Werkes unter dem vielsagenden Titel Es muss nicht immer Fleischkäs‘ sein ist relativ schnell erzählt, es geht um gelangweilte Ehepaare, lustige Verwirrungen und Verwicklungen in komischen Kostümen, und am Ende gibt es einen großen Knall. Ja, ich denke, so lässt sich das in etwa zusammenfassen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe es mal wieder sehr genossen, es war ein Angriff auf die Lachmuskeln, so schreiben das dann meistens die hiesigen Zeitungen, naja, Sie wissen schon. Der vollgestopfte Saal war zwischendurch ausser Rand und Band, Lachsalven undsoweiter, ein Feuerwerk der guten Laune, und die fünf Vorstellungen waren schon seit Wochen ausverkauft. Es gibt jetzt noch eine Zusatzvorstellung am 13. Januar, da sollten Sie (Klick!) Karten reservieren, wenn Sie irgendwo in der Region wohnen und einen irgendwie gearteten Bezug zu Wagenschwend und zu lustigem Laientheater haben.

Weil, nämlich: Der Musikverein Wagenschwend hat seine Theatertruppe ja nun nicht nur zum Vergnügen der Dorfbewohner gegründet, nee, nee. Sondern: um Geld für die Vereinsarbeit zu verdienen. Musikinstrumente kaufen, Uniformen, Noten, Ausflüge finanzieren, Unterricht, workshops, Seminare, das ist ja alles nicht so ganz kostenlos. Und an den Theatertagen wird die Kasse aufgefüllt. Fünfzig Musiker aller Altersklassen sind beim Bauerntheater im Einsatz, vor, hinter oder auf der Bühne. Und beim Bau des Bühnenbildes, das ist allein schon sehenswert, jedes Jahr aufs Neue. Zeitaufwendig ohne Ende, wochenlange Probenarbeit, Unmengen von Text, Höchstleistungen für Hirn und Körper, ich finde das ziemlich beeindruckend, wenn man mal genauer drüber nachdenkt. Und überhaupt halte ich ja nahezu jede Vereinsarbeit für unterstützenswert, bürgerschaftliches Engagement, Angebote auf dem Dorf und so.

Und dass ich ja auch noch auf Blasmusik stehe, muß ja keiner wissen.

P.S. Ich hatte diesen Beitrag neulich schon mal ganz kurz eingestellt und dann wieder aus dem Blog genommen, nachdem alle Vorstellungen wegen eines Todesfalls abgesagt worden waren. Jetzt hat sich die Gruppe entschieden, die ausgefallenen Vorstellungen doch noch zu spielen und es auch bei der Zusatzvorstellung am 13. Januar zu belassen. Nachdem der Verstorbene offenbar ein großer Freund des Laientheaters war, könnte ich mir vorstellen, dass das auch in seinem Sinne ist.

Die liebe Frau im Walde.

Ich wandere ja dieser Tage dauernd durch die Gegend, mal hier, mal da, es ist meine Art, das Neue Jahr halbwegs ruhig zu beginnen, ohne Telefongeklingel, ohne Termine, ohne dauernde Erreichbarkeit.

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, dazu braucht man ja keinen Reisekatalog, bloß vernünftige Wanderkarten, ich wiederhole mich, naja, Sie wissen schon. Außerdem entdeckt man so immer was Neues, das will ich Ihnen doch nicht vorenthalten. Kein Tag ohne Horizonterweiterung!, pflegt eine Freundin von mir zu sagen, und ich halte das geradezu für ein geniales Lebensmotto.

Heute habe ich die Kapelle Zu Unserer Lieben Frau Im Walde gesucht und gefunden, ich weiß gar nicht, wie ich darauf kam, aber das ist ja letzten Endes auch völlig wumpe. Die Ruine liegt irgendwo zwischen Hardheim und Dornberg im Wald, wie der Name schon erahnen lässt.

Der lange und zähe Aufstieg von der (empfehlenswerten, Klick!) Wohlfahrtsmühle her kommend ist nervig, der steile und moddrige Abstieg (fast) am Ende der knapp dreistündigen Tour dafür umso nerviger, aber der Weg lohnt sich. Außerdem können Sie auch von Dornberg da hin, falls Sie nicht so der Ultra-Wanderer sind.

Mitten im Wald erhebt sich also plötzlich wie aus dem Unterholz die stattliche Ruine einer Kapelle. 1418 wird das gar nicht so kleine Gotteshaus zum ersten Mal schriftlich erwähnt, das ist also mal satte 600 Jahre her. Regelmäßige Messen haben die katholischen Christen hier zunächst gefeiert, die Kapelle erlebt die Hoch-Zeit des Katholizismus, die Reformation, dann die inbrünstige Gegenreformation, sie sieht Wallfahrer kommen und gehen, betende Pilger niederknien, sie hört die Gesänge Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade und greinende, knötternde Säuglinge, die zur Taufe hier hochgeschleppt werden.

Und schließlich merkt die kleine Kapelle, die inzwischen Katharinenkapelle im Tale heißt, – schließlich also merkt sie vielleicht, wie es immer stiller wird, weil die Pfarrer und das Geld fehlen, und als es dann gar nicht mehr geht, kommen auf Geheiß der Kirchenleitung Bauarbeiter und demolieren mit Hammern und wüsten Schlägen das Dach. 1791 ist das.

Seitdem hat der liebe Gott, haben Maria, Sonne, Mond und Sterne zwar uneingeschränkten Einblick in das Innere der Kirche, aber leider lassen sich auch Regen, Schnee und Stürme nicht mehr aussperren. Seit mehr als 200 Jahren verfällt das Gebäude. Aber es tut das mit Anmut und einer gewissen Größe, will mir scheinen, wie ich mutterseelenallein um die Ruine herumgehe. Sie hält sich wacker, auch noch nach all der Zeit. Wohl wissend, dass sie für die Volksfrömmigkeit der Bewohner hier oben weiterhin von großer Bedeutung ist.

Die Sache mit der beneidenswerten, mir aber immernoch fremden Volksfrömmigkeit ist das Eine, das Andere ist die Geschichte hinter der Geschichte, für die ich ja immer ein besonderes Faible habe. In diesem Fall ist es die Einsiedelei, die direkt neben der Kirche lag, über Jahrhunderte hinweg, mindestens seit 1479.

In irgendeiner zusammengezimmerten Hütte hat hier seitdem jeweils über Jahre und Jahrzehnte hinweg ein Eremit gelebt und die Kirche betreut. Morgens aufgeschlossen, abends zugeschlossen, Blumen arrangiert, den Altarraum geputzt, vielleicht auch das Glöckchen geläutet, wenn es denn eines gab. Die Einsiedelei hatte einen eigenen Brunnen, den man vor ein paar Jahren wieder freigelegt hat.

1750 wird von einem Georg Käch berichtet, der hier oben, fernab des Dorfes lebt und arbeitet, 42 Jahre alt ist der Eremit, ein Franziskaner-Mönch offenbar, über den nur Gutes, Liebes und Löbliches gesagt werden kann. Als Gegenleistung für seine Arbeit wird der Eremit von den Junkern von Hardheim versorgt, sie bezahlen ihn auch mit Naturalien, wenn er mal krank oder sonstwie arbeitsunfähig ist, bezahltes Nichtstun, würde Frau Nahles das nennen. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Ich stelle mir vor, wie so ein Georg Käch, wie seine Vorgänger und Nachfolger hier oben wohl gehaust haben. Mitten im Wald, mutterseelenallein, tagelang vielleicht ohne Ansprache, ohne jeden sozialen Kontakt. Ohne Telefon und Fernseher. Ohne Wlan oder auch mobiles Netz. Mit den Tieren des Waldes als Nachbarn und Untermieter. Im Winter, wenn die Region Badisch-Sibirien ihrem Namen monatelang alle Ehre macht. Wenn der Schnee alle Geräusche verschluckt, die Tage kurz sind, und die finstren Nächte umso länger.

Wenn man zu anderen Jahreszeiten tagelang vielleicht nur das Knistern und Knacken im Unterholz hört, das Gepiepse der Vögel, die bellenden Rufe aufgeschreckter Rehe. Nur die eigenen Schritte auf dem Waldboden, nur den eigenen, gleichmäßigen Atem. Niemand da, mit dem man sprechen könnte. Niemand, der einem irgendwas erzählen will. Im Kopf und im Ohr nur die eigenen Gedanken, die mal laut – und mal ganz leise sind.

Leider finde ich dazu im Internet nichts. Vielleicht gibt es dazu was im kleinen Museum in Hardheim, ich werde da mal schauen müssen. Jedenfalls stelle ich mir das heute, zwei Tage, bevor am Montag der Berufsalltag wieder anfängt, durchaus reizvoll vor, so ein Leben in der Einsiedelei, als Eremitin. Ja, das wäre schön. So ganz alleine für sich sein, unerreichbar für andere.

Naja, vielleicht muss ich aber nochmal drüber nachdenken.

Falls Sie da in der Ecke auch mal wandern gehen möchten, finden Sie (Klick!) hier mal die ersten wichtigen Infos. Ich bin von der Wohlfahrtsmühle aus den Rundweg Nummer 4 gelaufen, das dauert mit kleiner Verweile an der Kapelle insgesamt rund drei Stunden.

Und hier noch die passende Marienmukke dazu. Ein Lied, das ich sehr liebe.